Alexander Kluge ist der Erfinder des Slow TV

Wie ich bei keiner Gelegenheit auslasse zu erwähnen, besitze ich nun schon seit einigen Jahren keinen Fernseher mehr. Früher gehörten zu meinen Lieblingsprogrammen die Kultursendungen “10 vor 11” und “News & Stories” mit dem Filmemacher Alexander Kluge oder das Format “Zur Person” des Journalisten Günter Gaus. Schon als Jugendlicher begeisterte ich mich für diese spröden Magazine – irritierende kulturelle Störsignale, die das Kommerzprogramm der Privatsender unterbrachen.

Ich empfand es als Genugtuung, dass gerade die Sender, die uns dauerhaft marktschreierisch beschallten, diese Formate ausstrahlen mussten, obwohl sie offensichtlich nicht in ihr Programm passten. Juristischer Hintergrund ist die sogenannte Drittsendelizenz, die im Rundfunkstaatsvertrag geregelt wird. Danach müssen private Sender zur Sicherung der Meinungsvielfalt auch unabhängigen Produzenten Sendeplätze einräumen. Naturgemäß handelt es sich dabei nicht um die prominenten Zeiten, zu denen üblicherweise Casting-Shows oder Hollywood-Blockbuster laufen. Den Programmdirektoren sind die Drittesendelizenzen trotzdem noch ein Dorn im Auge. Sie klagen seit Jahren bei jeder sich bietenden Gelegenheit dagegen.

Eine der Produktionsfirmen, die seit drei Jahrzehnten immer wieder den Zuschlag für die begehrten Lizenzen erhielt, ist dctp mit Sitz in Düsseldorf. 1987 gegründet von Alexander Kluge und finanziert von einer japanischen Werbeagentur und den Verlagen hinter dem Spiegel und der Neuen Zürcher Zeitung, produzierte dctp auch die Sendungen Spiegel TV und Stern TV. In seinen Kulturprogrammen auf RTL, Sat.1 und VOX lotete Kluge jedoch aus, was Fernsehen neben Dschungelcamp und Rotlichtreportage noch bedeuten kann: Fiktive Interviews, in denen Schauspieler in Rollen historischer Persönlichkeiten schlüpften, gehörten genauso dazu wie Gespräche mit Nano-Physikern und Theater-Performances. Auch sprach Kluge immer wieder mit wichtigen Gestaltern des intellektuellen Lebens in Deutschland wie Heiner Müller, Christoph Schlingensief, Peter Sloterdijk oder Hans Magnus Enzensberger und gab ihnen damit eine Bühne.

Mit seinen Formaten produzierte Alexander Kluge ein Programm, das der Branchendienst DWDL.de einmal als den “Inbegriff von Slow TV” bezeichnete und damit eine Analogie zum Begriff des Slow Living aufmachte. Der Autor Carl Honoré fasst unter diesem Begriff alle möglichen gesellschaftlichen Bewegungen zusammen, die sich dem Kult der Geschwindigkeit verweigern. In seinem 2004 erschienenen Buch “In Praise of Slow” nennt er Ernährung, Stadtplanung, Medizin, Arbeit oder Sex als Beispiele für Lebensbereiche, in denen sich eine bewusste Entschleunigung und Verlangsamung positiv auswirken könne. Dem von Honoré beschriebenen Geschwindigkeitskult huldigt auch das moderne Privatfernsehen mit seinen schnell geschnittenen Bildern und den gerafften Erzählformen – und letztlich auch der Zuschauer durch den permanenten Wechsel zwischen Hunderten von Kanälen und Programmen.

Alexander Kluge hingegen wollte, dass seine Formate “ausloten, was Fernsehen eigentlich kommunikativ leisten kann, wenn es nicht ängstliches Quoten-TV sein muss”. Teilweise wurde 20 Minuten lang gar nicht gesprochen, teilweise auf höchstem Niveau über philosophische und naturwissenschaftliche Themen diskutiert. Für mich waren diese Inseln, so skurril die Themen und Protagonisten teilweise auch wirkten, ungeheuer erholsam und angenehm. Sie bedeuteten eine Auszeit vom daueraufgeregten Geschnatter, eine Abweichung vom oberflächlichen Diktat des Entertainment. Das dctp-Logo im Vorspann einer Sendung bedeutete ein besonderes Qualitätssiegel, so dass ich enttäuscht war, wenn darauf nur eine reißerische Spiegel-TV-Reportage folgte.

Nach 30 Jahren und über 1500 Folgen reichte Alexander Kluge, der inzwischen 86 Jahre alt war, für die Lizenzperiode ab 2018 leider keine Bewerbung mehr ein. Man könnte dies als seinen Rückzug in den Ruhestand interpretieren. Zum Glück findet man im ausgezeichneten Online-Archiv von dctp.tv viele seiner Sendungen zum Abruf, geordnet in sogenannten “Themengärten”. Ein Bekannter wies mich zuletzt auf zwei großartige und bereichernde Gespräche hin, die ich weiterempfehlen möchte:

Berlin, 13. März 2019

Lesen macht glücklich – wenn man die richtigen Bücher liest

Paulo Coelho, die Hippies und die Minimalisten

Wenn man sich tiefer mit den Wurzeln des Minimalismus beschäftigt, landet man unweigerlich bei den Hippies. Nun wird unter dieser diffusen Bezeichnung subkulturell so einiges durcheinander geworfen – von den Blumenkindern in San Francisco bis zu den europäischen Studentenrevolutionären.

Fakt ist, dass 1968 eine weltweite Bewegung losgetreten wurde, die verkrustete gesellschaftliche Strukturen aufbrechen wollte. Auch wenn das im heute so beliebten 68er-Bashing gern untergeht, wurden progressive und nonkonformistische Ideen damals im Westen zum ersten Mal auf breiter Ebene diskutiert: Indische und chinesische Philosophie, Yoga und Meditation, Vegetarismus und Anti-Konsumismus.

Eine grundsätzliche Geistesverwandtschaft zwischen dem Hippietum und dem Minimalismus drängt sich auf. Dazu passt, dass Vordenker wie Duane Elgin, der 1981 den Minimalismus-Klassiker “Voluntary Simplicity” schrieb, aus der amerikanischen Hippie-Gegenkultur und der daraus geborenen Umweltbewegung stammten.

Kürzlich las ich den autobiografischen Roman “Hippie” von Paulo Coelho, der auf wahren Begebenheiten des Jahres 1970 basiert. An dieser Stelle sei kurz bemerkt, dass mir die hochnäsige, abwertende Haltung vieler Intellektueller gegenüber diesem Schriftsteller zutiefst zuwider ist. (Ich hatte zuvor nur “Der Alchimist” gelesen, konnte an dem Buch aber nichts Schlechtes finden – im Gegenteil.)

Der Plot von “Hippie” ist jedenfalls schnell erzählt: Paulo, ein junger brasilianischer Autor und Aussteiger, trifft in Amsterdam auf die junge Hippie-Frau Karla und steigt mit ihr in einen Bus nach Nepal. Auf dem Weg, genauer gesagt in Istanbul, entdeckt Karla ihre Liebe zu Paulo und Paulo seine Liebe zu Gott (respektive zum Sufismus).

An einer Stelle soll ein französischer Mitreisender einer Journalistin erklären, was das Hippietum genau ausmacht. Die Journalistin ergeht sich zunächst in den üblichen bürgerlichen Unterstellungen, nämlich dass Hippies gelangweilte Kinder reicher Eltern seien, die sich nur für Sex, Musik und Drogen interessieren. Doch als der Franzose sie fragt, woher das Wort Hippie überhaupt komme, wird es interessant.

Ihre unerwartet kenntnisreiche Antwort bezieht sich weniger auf das Wort Hippie und vielmehr auf die ideengeschichtlichen Wurzeln der Bewegung. Sie beginnt bei den Mazdakisten (den Anhängern eines iranischen Proto-Sozialismus im 6. Jahrhundert) und geht über die griechischen Kyniker bis zu Thoreau und Gandhi. Tatsächlich ging es bei ihnen allen um eine radikale Ablösung vom materiellen Besitzdenken, aber auch um Güte und Humanismus, um Pazifismus und Vegetarismus – Werte und Ideen, die auch den Hippies wichtig waren. So referiert die Journalistin:

“Diogenes (…) zufolge sollten die Menschen das, was ihnen die Gesellschaft aufzwang, hinter sich lassen und zu den ursprünglichen Werten zurückkehren. Besser gesagt sollte man mit der Natur im Einklang leben, sich mit wenig begnügen, sich über jeden neuen Tag freuen und alles ablehnen, wozu wir erzogen wurden – Machterwerb, Besitzgier, Geiz oder dergleichen. Für die Kyniker war der einzige Zweck des Lebens, sich von allem Überflüssigen zu befreien und in jeder Minute, mit jedem Atemzug Freude zu finden. (…) Diese Haltung fand im Christentum ihre Fortsetzung, als die Mönche in der Wüste den Frieden für einen Kontakt mit Gott suchten. Und sie wurde bis in die neuere Zeit durch bekannte Philosophen wie den Amerikaner Thoreau und den Befreier Indiens, Mahatma Gandhi, weitergeführt. Vereinfache dein Leben, sagten sie alle. Vereinfache dein Leben, und du wirst glücklicher sein.”

Vereinfache dein Leben, und du wirst glücklicher sein?

Das könnte man auch als kondensierte Botschaft des modernen Minimalismus stehen lassen. Waren die Hippies also direkte Vorläufer der Minimalisten?

Jein, würde ich sagen. Sie waren durchaus von ähnlichen Quellen inspiriert, setzten in ihrer Sinnsuche jedoch andere Schwerpunkte. Der Gedanke der Reduktion zieht sich durch philosophische Theorien von der Antike bis heute. Eindeutig ist aber, dass die Hippies – oder sagen wir lieber, die 68er und die progressiven Ideen ihrer Ära – durchaus den Nährboden bereiteten, auf dem der Minimalismus sprießen konnte.

Altfriesack, Brandenburg, 11. März 2019

Die zitierte Passage stammt aus Paulo Coelho, “Hippie” (Diogenes 2018).

Die Wurzeln des Minimalismus in der Stoa

Die Kunst zu verschwinden

In einem Text nannte ich den verstorbenen Mark Hollis kürzlich einen “Meister des Verschwindens”. Daraufhin schrieb mir ein befreundeter Künstler, der den Text mochte und mir deshalb ein Buch von Herbert Rosendorfer ans Herz legte: “Ein Liebhaber ungerader Zahlen”. Darin geht es laut seiner Aussage um einen Schriftsteller, der das Verschwinden perfektioniert hat. Auch wenn ich den Roman noch nicht gelesen habe, brachte er mich dazu, mich an diesem Wochenende mit zwei Großmeistern des Verschwindens zu beschäftigen, an denen sich Rosendorfer orientiert haben könnte: J.D. Salinger und Thomas Pynchon.

Wie so viele von uns, las ich J.D. Salingers “Der Fänger im Roggen” zum ersten Mal als Jugendlicher. Die Geschichte des 16-jährigen Holden Caulfield, der nach einem Schulverweis durch New York stromert und gegen die bürgerlichen Konventionen der Erwachsenenwelt rebelliert, bedeutete mir damals die Welt. Trotzdem beschäftigte ich mich nie weiter mit dem Autoren des Romans und forschte nicht nach weiteren Büchern von ihm. Viel hätte ich allerdings auch nicht gefunden.

1951 veröffentlichte Salinger seinen Debütroman, der ihn auf einen Schlag berühmt machte, sich weltweit 65 Millionen Mal verkaufte und in seiner Wirkung gern mit Goethes “Werther” verglichen wird. Zum Veröffentlichungszeitpunkt war der Autor 32 Jahre alt und hatte zehn Jahre an dem Roman gearbeitet. Es sollte sein einziger bleiben. Bis 1965 veröffentlichte er noch einige Kurzgeschichten und Novellen, danach verstummte er – bis zu seinem Tod im Jahr 2010.

Salinger hatte kein Interesse daran, ein öffentlicher Schriftsteller zu sein. Schon 1953 war er von New York in das 2.000-Einwohner-Dorf Cornish in New Hampshire gezogen. Zu Beginn seiner Zeit dort pflegte er noch ein normales soziales Leben, doch dann zog er sich immer mehr zurück. Manche führen seine Zurückgezogenheit auf ein Kriegstrauma zurück, das er im Zweiten Weltkrieg erlitten habe. Man weiß auch, dass er angefangen hatte, sich mit Zen-Buddhismus, Meditation, indischer Philosophie und Yoga zu beschäftigen. Es heißt, er habe sogar im Lotussitz an seiner Schreibmaschine gesessen.

Um sein abgeschiedenes Leben zu beschützen, betrieb Salinger einigen Aufwand. Er verklagte Journalisten, die Biografien über ihn schreiben wollten. Der einzige Satz, den er nach seinem letzten Interview 1980 an die Öffentlichkeit richtete, war “Get the hell off my lawn” – ein barscher Platzverweis an einen Reporter, der versuchte, sich zu seinem Anwesen Zutritt zu verschaffen. So weiß man bis heute nur sehr wenig über den Autor des “Fänger im Roggen” – und alle vermeintlichen Enthüllungen, die seit seinem Tod angekündigt wurden, “erschöpfen sich in dem, was Salinger am meisten verabscheute: Sensationsgier und Psycho-Geschwafel.” (Spiegel Online)

Obwohl er 1965 aufhörte zu publizieren, schrieb Salinger immer weiter. In einem seltenen Interview mit dem New Yorker sagte er 1974, dass er nur das Schreiben selbst liebe, nicht das Veröffentlichen: “Nicht zu veröffentlichen gibt unglaublichen Frieden. Zu veröffentlichen ist ein schreckliches Eindringen in meine Privatsphäre. (…) ich schreibe nur für mich und mein eigenes Vergnügen.”

Diese Haltung erinnerte mich an ein Zitat der ebenfalls sehr zurückgezogen lebenden amerikanischen Singer-Songwriterin Liz Harris, die unter dem Künstlernamen Grouper auftritt. Sie sagte einmal, ein neues Album zu veröffentlichen, sei für sie “wie heimlich ein schweres Objekt in einem See zu versenken – eine ruhige Ecke zu finden, es vorsichtig unter die Oberfläche gleiten zu lassen, für einen Moment die kleinen Wellen zu beobachten, und sich dann davonzustehlen.” Im Gegensatz zu Salinger bringt Liz Harris es immerhin alle paar Jahre fertig, einen ihrer Schätze in irgendeinem See zu versenken.

Als Salinger 2010 starb, hinterließ er unveröffentlichte Manuskripte aus 45 Jahren Arbeit. Erst im Februar dieses Jahres gaben seine Witwe und sein Sohn bekannt, dass diese Arbeiten im Verlauf der nächsten Dekade verlegt werden sollen. Matt Salinger versicherte in The Guardian, dass dies im Sinne seines Vaters sei.

Im Gegensatz zu J.D. Salinger lebt Thomas Pynchon noch. Trotzdem findet man von dem Schriftsteller im Internet nur ein einziges Foto von 1955, das einen jungen Mann in einer Marineuniform zeigt, bei dem nicht einmal sicher ist, dass es sich wirklich um Pynchon handelt. Jahrzehntelang führte der Autor die Öffentlichkeit an der Nase herum und schaffte es, den Großteil seiner Biografie und auch seinen Aufenthaltsort zu verbergen, obwohl er mit “V.” (1963) oder “Die Enden der Parabel” (1973) moderne Klassiker der Weltliteratur schuf. Lange hielten sich sogar Gerüchte, es gebe Pynchon gar nicht, sondern er sei ein Pseudonym eines anderen Autors, etwa J.D. Salinger.

Tatsächlich fand man in den 1990er Jahren heraus, dass Pynchon existierte. Er war 1937 geboren worden, hatte an der Cornell-Universität theoretische Physik studiert und als Beatnik die New Yorker Jazz-Clubs unsicher gemacht. Irgendwann nahm er einen Job als technischer Redakteur bei Boeing in Seattle an, bevor er dort wieder kündigte, um sich voll und ganz auf seinen Debütroman zu konzentrieren. Als 25-Jähriger veröffentlichte er “V.” – das Buch, das ihn ähnlich wie Salinger schlagartig berühmt gemacht hätte, wenn Pynchon dies zugelassen hätte.

Doch Pynchon verweigerte sich der Öffentlichkeit. Er gab keine Interviews und trat nirgends in Erscheinung. Nicht einmal seinem Verlag erlaubte er den Abdruck eines Autorenfotos in der Buchklappe. Als er 1974 einen wichtigen Buchpreis für “Die Enden der Parabel” bekommen sollte, schickte er zur Verleihung den Stand-Up-Comedian “Professor” Irwin Corey. Und so waren seine Bücher über die nächsten Jahrzehnte seine einzigen Lebenszeichen. Dazwischen konnten jedoch schon mal 17 Jahre vergehen. Natürlich gab es immer wieder Gerüchte: Fans wollten ihn in Seattle, Kalifornien, Mexiko oder sonstwo auf der Welt gesehen haben.

Tatsächlich lebte Pynchon, als er 1996 schließlich von einer Autorin des New York Magazine aufgespürt wurde, mit seiner Frau Melanie (die gleichzeitig seine Literaturagentin war) in einer ganz normalen New Yorker Nachbarschaft. Ihm schien es offenbar logischer, sich in einer rastlosen, lauten Acht-Millionen-Metropole zu verstecken als in einer einsamen Hütte auf dem Land. Der Schriftsteller Andrew Solomon sagt in dem Artikel: “Es gibt ein altes russisches Sprichwort: Wenn du dich vor der Obrigkeit verstecken willst, stell dich unter die hellste Laterne, gleich neben der Polizeistation.”

1997 gab Pynchon dem Sender CNN ein rares Interview, in dem er zunächst klarmachte, dass er keine Fotos zulassen würde (“Let me be unambiguous – I prefer not to photographed”) und sodann erklärte, dass er kein Einsiedler sei, sondern lediglich sonst nicht mit Journalisten spreche. Tatsächlich soll er in New York ein relativ normales soziales Leben geführt haben, sich mit anderen Schriftstellern im Café getroffen und im Bio-Markt um die Ecke eingekauft haben. Allerdings hatte er Freunde und Geschäftspartner eindringlich gebeten, nicht mit Reportern über ihn zu sprechen. Die meisten hielten sich daran.

Tatsächlich weiß man bis heute nicht wirklich, warum sich Pynchon so stark aus der Öffentlichkeit fern hält – auch dies eine Parallele zu J.D. Salinger. Die plausibelste Erklärung lautet, dass er mit der Vorstellung des prominenten Schriftstellers nichts anfangen kann. Andere glauben, dass er sich vor allem wegen der politischen Subtexte in seinen frühen Büchern versteckte. Wieder andere sind der Ansicht, dass Pynchon durch seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit einfach nur ein Image erschaffen hat, das den Mythos um seine ultrakomplexen, nicht-linearen Bücher noch verstärkt.

Am Ende wird bei beiden Schriftstellern nicht eindeutig geklärt werden, warum sie einen Lebensentwurf gewählt haben, der dem Verschwinden gleichkommt, auch wenn oder gerade weil es ein öffentliches Interesse an ihrer Person gab und gibt. Mich fasziniert diese Spezies Künstler ganz einfach: Von Salinger bis Pynchon, von Burial bis Banksy, von Liz Harris bis Mark Hollis. Introvertierte Künstler, die ihr Werk in den Mittelpunkt stellen, sich selbst aber bis zur Unkenntlichkeit verschleiern – die Meister des Verschwindens eben.

Altfriesack, Brandenburg, 10. März 2019

Introvertiert und einverstanden damit

Lesen macht glücklich – wenn man die richtigen Bücher liest

Der Schriftsteller Henry David Thoreau erkannte bereits vor 150 Jahren, dass materieller Wohlstand nicht glücklich macht. Daher zog er für zwei Jahre in eine selbstgezimmerte Holzhütte im Walden Pond, nur mit dem allernötigsten ausgestattet, und kehrte der Industriegesellschaft den Rücken. “Ich wollte tief leben”, erklärt er in seinem Roman “Walden” über diese Zeit. “Alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.” Thoreau wollte herausfinden, was ihn glücklich macht, wenn es schon nicht das Streben nach Reichtum war. Doch was genau tat er mit seiner freien Zeit im Wald?

In seinem Buch “Warum Lesen glücklich macht” beantwortet der Autor und promovierte Germanist Stefan Bollmann diese Frage: “Er pflanzte Gemüse, sammelte Beeren, angelte Fische, verschmähte aber die Jagd. (…) Die meiste Zeit verbrachte er damit, den Tönen des Waldes zu lauschen, Tiere zu beobachten, im nahegelegenen Teich zu schwimmen, sich mit Besuchern zu unterhalten, zu lesen und zu schreiben, mit anderen Worten dem Müßiggang zu frönen. Statt mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigte er sich auf experimentelle Weise mit dem Problem eines Müßiggangs, der nicht auf bloßen Zeitvertreib, sondern auf Wirklichkeits- und Wahrheitssuche angelegt ist. In diesem Zusammenhang spielte das Lesen eine wichtige Rolle.”

Auch Thoreau selbst widmete seiner Lektüre ein ganzes Kapitel in “Walden”. Die wenigen Bücher, die er in seiner Hütte vorrätig hatte (eine Leihbibliothek befand sich nicht in seiner näheren Umgebung), waren allerdings keine zeitgenössische Literatur, sondern antike Klassiker von Homer, Aischylos und Vergil: “Der wissensdurstige Mensch (…) wird sich immer wieder dem Studium der Klassiker zuwenden, einerlei, in welcher Sprache sie geschrieben oder wie alt sie sind. Denn was sind die Klassiker anders als die erhabensten und überlieferten Gedanken der Menschheit? (…) Gut lesen, das heißt, wahre Bücher in wahrem Geiste lesen, ist eine edle Beschäftigung, die an den Leser größere Anforderungen stellt als irgendein Sport, der gerade modern ist.”

Fraglich wäre nun, was Thoreau für “wahre Bücher” hielt, die tatsächlich zu einer Entwicklung des Geistes und damit zum Glücklichsein beitragen, und was “seichte Literatur” und damit Zeitverschwendung bedeutet. Sein Kriterium der “geistigen Nahrung” erfüllten jedenfalls die griechischen, römischen und englischen Klassiker. Auf der anderen Seite des Spektrums standen für ihn die aktuellen Nachrichten in den Zeitungen (die er allesamt als “Klatsch” abtat), aber auch die Werke der meisten Romanschriftsteller. Bollmann bemerkt hierzu: “Schaut man etwas genauer hin, bemerkt man (…), dass es Thoreau, wenn er von Klassikern spricht, nicht so sehr um einen Kanon und auch nicht um das ehrwürdige Alter der erzählten Geschichten geht. Als Klassiker bezeichnet er vielmehr jene Bücher, die Antworten auf die elementaren Lebensfragen der Menschen geben.”

In der Folge umreißt Bollmann, was nach seiner Vorstellung als “lohnende” Literatur im Sinne Thoreaus gelten könnte: Heldengeschichten und Sagen wie das Gilgamesch-Epos, die “Odyssee” oder die Artus-Sage, aber auch moderne Entwicklungs- und Bildungsromane. “Jeder von uns hat ein solches Buch schon einmal gelesen”, schreibt Bollmann. “Und viele werden es – tief berührt von der erzählten Geschichte – aus der Hand gelegt haben. Von den bequemen Büchern, die Thoreau mit Spott überzogen hat, unterscheiden sich die genannten nicht etwa, weil sie besonders unbequem zu lesen wären, also große Anforderungen an den Kunstverstand und die Leseerfahrung stellen. Unbequem sind in erster Linie die Geschichten, die sie erzählen.” Wenn Thoreau von Helden spreche, dann meine er “nicht Menschen, die sich durch kriegerische, sondern solche, die sich durch existenzielle Tapferkeit auszeichnen.”

Sodann führt Bollmann den Begriff der art of life ein, wie er von den amerikanischen Transzendentalisten des 19. Jahrhunderts verstanden wurde. “Lebenskunst bedeutete für den Kreis um Ralph Waldo Emerson nicht, sich ausschließlich den angenehmen Seiten des Lebens zu widmen, sondern durch ständige Arbeit an sich selbst das eigene Leben zu einem Kunstwerk zu machen.” Man könne es auch anders formulieren: Thoreau, Emerson und ihre Schüler lasen nicht, um sich zu zerstreuen und zu unterhalten, sondern um zu lernen und sich zu entwickeln. Und Bücher, die sich zu lesen lohnen, nehmen den Leser ernst, “gerade auch in dem Bedürfnis nach Wahrheit, Welterkenntnis und Lebenssinn.” Thoreau ging mithin nach Bollmanns Vorstellung in den Wald, “um dort lesend zu überprüfen, was für [sein] Leben wichtig ist und was nicht.”

Bollmann kommt in seinem Buch zu dem Schluss, dass ein glückliches Leben intellektueller Nahrung bedarf. Immerhin heißt sein Buch “Warum Lesen glücklich macht” – dass überhaupt eine Kausalität zwischen Glück und Lektüre besteht, setzt er schon im Titel voraus. Er nimmt das Ergebnis seiner Ausführungen vorweg und erklärt anschließend kenntnis- und wortreich, welche Gründe seiner Ansicht nach für seine These sprechen. Thoreaus “Walden” dient hierbei als Quelle und dessen praktisches, empirisches Experiment als Nachweis. Deswegen muss laut Bollmann heute auch niemand mehr in den Wald ziehen, um das festzustellen.

Tatsächlich glaube ich auch, dass Lesen glücklich macht. Dass materieller Wohlstand nicht zu einer Mehrung des Lebensglücks führt, ist eine der wesentlichen Botschaften im Minimalismus. Selbstverständlich müssen Grundbedürfnisse wie Nahrung und Wohnung abgedeckt sein. Doch erst dann beginnt die eigentliche Suche. Die Beschäftigung mit den großen philosophischen Lebensfragen gehört für die meisten Menschen zur Charakterbildung. Literatur dient als geeigneter Vermittler philosophischer Ideen und existenzieller Fragen, die sich Menschen seit jeher stellen. Was könnte uns eher auf den Weg der Erkenntnis führen als die Beschäftigung mit dem, was die klügsten und gebildetsten Autoren der Menschheitsgeschichte zu diesen Themen zu sagen hatten?

Die meisten Bücher, die mich in meinem Leben geprägt haben, fallen literaturwissenschaftlich wohl tatsächlich in die Kategorie des Entwicklungs- und/oder Bildungsromans: Mit 16 war es “Siddharta” von Hermann Hesse, mit 23 Thomas Manns “Der Zauberberg” und mit 30 “Homo Faber” von Max Frisch. Auch zeitgenössische Werke wie Christian Krachts “Faserland” oder Michel Houellebecqs “Elementarteilchen”, die ich mal mit großem Erkenntnisgewinn gelesen habe, können als Bildungsromane verstanden werden. In den letzten Jahren habe ich vor allem Sachbücher gelesen, weil ich mich von neuer Literatur oft nicht ernstgenommen fühlte – oder aber weil mich die Themen nicht interessierten. Thoreau hat mich darin bestärkt, mich nun wieder den sogenannten Klassikern zuzuwenden.

Der von Bollmann beschriebene “Müßiggang” als Idealvorstellung eines unabhängigen Lebens bedeutet also gerade nicht, dass man am Pool einen Cocktail mit Schirmchen schlürft, so wie in der kleinbürgerlichen Vorstellung vom Urlaubsparadies, die seit einigen Jahren auf Instagram fleißig wiederbelebt wird. Vielmehr lässt einem der Idealzustand des Lebens neben der Arbeit, deren Ertrag die Grundbedürfnisse großzügig abdecken sollte, noch genügend Freiraum, um sich mit Charakter- und Weiterbildung zu beschäftigen. Der beste bekannte Weg dorthin ist das Lesen.

ICE Berlin-Hamburg, 4. März 2019

Die zitierten Passagen stammen aus Stefan Bollmann, “Warum Lesen glücklich macht” (Elisabeth Sandmann Verlag, 2007), und Henry David Thoreau, “Walden oder Leben in den Wäldern” (Seedbox Press, 2013).

In Gedenken an Mark Hollis, den Meister des Verschwindens

Diese Woche ist Mark Hollis mit 64 Jahren gestorben, “nach kurzer Krankheit”, wie es in den Nachrufen heißt. Hollis war ein außergewöhnlicher Musiker, vielleicht ein Genie. Ein introvertierter, kompromissloser Künstler, der dem Ruhm der großen Bühne den Rückzug ins Private vorzog und dem aufgeregten Lärm der Postmoderne würdevolles Schweigen entgegensetzte. Oft wird er mit dem Satz zitiert: “Bevor du zwei Noten spielst, lerne wie man eine Note spielt, und spiele keine Note, wenn du keinen Grund dafür hast.”

Hollis’ Spätwerk mit der Band Talk Talk, aber auch sein selbstbetiteltes Soloalbum kann man mit Fug und Recht als minimalistisch bezeichnen. Seine kontemplativen Songs entfalten sich langsam und leben von einer enormen Dynamik. Es gibt Momente absoluter Stille und Momente dissonanten Lärms. Hollis’ charakteristische Stimme zittert, fleht und leidet. Seine Texte sind teilweise düster-religiöse, teilweise lebensbejahende Gedichte von epischer Schönheit. Die sakrale Akustik der Platten lässt kaum Rückschlüsse auf den Zeitpunkt ihrer Aufnahmen zu.

Eigentlich hatten Talk Talk als recht durchschnittliche Synth-Pop-Band begonnen, Anfang der 1980er Jahre in London. Ihre Karriere startete unspektakulär mit handwerklich soliden Popsongs wie “It’s My Life” und “Such a Shame”, die ihnen vor allem außerhalb Englands beachtlichen Erfolg bescherten. Doch auf ihrem dritten Album “The Colour of Spring” machten sie einen kreativen Quantensprung, als sie die Synthesizer gegen akustische Instrumente tauschten. Zum ersten Mal spürte man, dass Talk Talk stärker von E- als von zeitgenössischer U-Musik beeinflusst waren. Solche künstlichen Einordnungen spielten gleichzeitig keine Rolle mehr.

Wegen des außerordentlichen Erfolgs von “The Colour of Spring” bekamen Talk Talk für den Nachfolger von ihrer Plattenfirma ein nahezu unbegrenztes Aufnahmebudget zur Verfügung gestellt. Sie mieteten sich in den Wessex Studios ein, einer ehemaligen Kirche im Norden Londons, zündeten sich Räucherstäbchen an und nahmen in monatelangen nächtlichen Sessions das Album “Spirit of Eden” auf. Es erschien 1988 und diente mit seinen sechs unkonventionellen, teilweise improvisierten Stücken als Blaupause eines neuen Subgenres, das man später Postrock nennen würde.

“Spirit of Eden” wurde von der Plattenfirma damals als kommerziell unverwertbar eingeschätzt, allerdings im Laufe der nächsten 30 Jahre von vielen relevanten Musikern als wesentlicher Einfluss bezeichnet. Der Nachfolger “Laughing Stock”, der 1991 erschien, geriet sogar noch experimenteller und radikaler. Hollis und seine Mitstreiter ließen sich während der Aufnahmen von Miles Davis’ elektrischen Fusion-Experimenten, von Brian Enos Ambient-Platten, von klassischer Musik und Jazz inspirieren. Jim O’Rourke von Gastr del Sol und Markus Acher von The Notwist nennen “Laughing Stock” eines ihrer Lieblingsalben.

Nachdem sie ihre beiden radikalsten und anspruchsvollsten Alben veröffentlicht hatten, lösten sich Talk Talk sehr bald friedlich auf. Bereits 1986 hatten sie bekanntgegeben, nie wieder auf Tournee gehen oder überhaupt live spielen zu wollen. Nach dem Ende der Band zog sich Hollis aus der Öffentlichkeit zurück. 1998 veröffentlichte er noch ein selbstbetiteltes Soloalbum, das den sakralen Minimalismus von “Laughing Stock” auf die Spitze trieb und mit seiner klanglichen Intimität an die ECM-Produktionen von Manfred Eicher erinnerte. Einige der Stücke waren ursprünglich für einen möglichen “Laughing Stock”-Nachfolger geschrieben worden.

Nach der Veröffentlichung seines ersten und einzigen Soloalbums schwieg Mark Hollis. Er verschwand komplett von der Bildfläche. Die absolute Stille, die er ab diesem Zeitpunkt herrschen ließ, machte das Mysterium um seine Musik und seine Person natürlich noch größer. Dabei hatte er sich lediglich gegen das Leben eines Rockstars und für ein Dasein als Familienvater entschieden.

In seiner ganzen Karriere gab Mark Hollis kaum Interviews. Er empfand es als sinnlos, über seine Musik zu sprechen, weil alles, was er sagen wollte, darin steckte. Man musste nur bereit sein zuzuhören. Hollis, der in der Londoner Punkszene der 1970er Jahre sozialisiert worden war und als 20-Jähriger ein Psychologiestudium abgebrochen hatte, gab mürrisch zu, ein “difficult geezer” zu sein. Er kultivierte auch ein gewisses Maß an Verachtung gegenüber der Musikindustrie. Zu kommerziellen Zugeständnissen war er nicht bereit. Die mangelnde Ambition der ersten beiden Talk-Talk-Alben schob er im Nachhinein auf Sachzwänge: Sie hätten kein Geld für richtige Instrumente gehabt und daher auf Synthesizer ausweichen müssen.

Beim Songwriting verfolgte er einen radikalen Ansatz: Er produzierte Stunden von Material, um daraus ein knapp 40-minütiges Album mit sechs Stücken zu kompilieren, ähnlich wie Teo Macero mit seinen Tape-Edits für Miles Davis. Engineer Phil Brown erzählte einmal, dass 90% der für “Spirit of Eden” aufgenommenen Sessions nie verwertet wurden. Hollis folgte stets dem Credo der Minimalisten: Qualität vor Quantität. Und so hinterlässt er einen relativ schmalen Katalog: Fünf Alben mit Talk Talk, einige B-Seiten und ein Soloalbum. Danach hat er nur noch ein paar Stücke für Jan Garbareks Tochter Anja und eines für den Soundtrack einer obskuren Krimiserie produziert. Doch “Spirit of Eden”, “Laughing Stock” und “Mark Hollis” gehören zur besten und intensivsten Musik, die im 20. Jahrhundert aufgenommen wurde.

Als öffentlicher Musiker war Mark Hollis bereits 20 Jahre vor seinem Tod in Rente gegangen. Man kann davon ausgehen, dass er spätestens nach der Erfüllung seines Plattenvertrages finanziell unabhängig war. Er musste also keine weiteren Platten machen, um überleben zu können. In einem Interview, das der Journalist Jason Cowley 1998 für The Times mit ihm in einem Pub nahe seiner Wohnung führte, heißt es, dass Hollis zu diesem Zeitpunkt mit seiner Frau, einer Lehrerin, und zwei Kindern ein zurückgezogenes Leben im Stadtteil Wimbledon führte.

In dem Interview sagt Hollis auch, dass er nicht wisse, ob er jemals wieder Musik veröffentlichen würde. “Ich habe genug Geld zum Leben, was großartig ist”, wird er zitiert. “Daher fühle ich mich ein bisschen wie ein Student, dem es ein Stipendium erlaubt, seine Zeit kreativ zu verbringen – mit Lesen, Musik hören und machen, und ein bisschen Sport. Ja, es ist ein gutes Leben.”

Ruhe in Frieden, Mark Hollis.

Berlin, 1. März 2019

Philip Toshio Sudo erklärt das Zen im Alltag

Auf einem Abendspaziergang kamen wir an einer Bibliothek vorbei. Wir stöberten noch die letzte halbe Stunde vor der Schließung und ich nahm ein Buch des mir bis dahin vollkommen unbekannten Autoren Philip Toshio Sudo mit: “Zen rund um die Uhr” (im Original: “Zen 24/7”) aus dem Jahr 2001. Ein unerwarteter Glücksgriff.

Philip Toshio Sudo war ein japanisch-amerikanischer Musiker, Journalist und Autor, der über 12 Jahre Zen-Buddhismus in Japan studiert hatte. Er war, so erfuhr ich später, ein Jahr nach der Veröffentlichung des Buches an Krebs gestorben. Auf seiner Website kann man heute noch ein “Cancer Journal” lesen, mit dem er seine Erkrankung dokumentiert hat. Es ist mehr als beeindruckend, wie er sich bis zum Schluss eine positive, dankbare Lebenseinstellung bewahrte. Sudo wurde nur 42 Jahre alt.

“Zen rund um die Uhr” enthält Miniaturen im Stile von Zen-Texten wie Haikus und Koans, doch Sudos Texte sind leichter zugänglich. Er schreibt über ganz alltägliche Dinge und klopft sie quasi auf ihren Zen-Gehalt ab. Die Wäsche zum Beispiel:

“Sie hört nie auf. Immer ist noch mehr Wäsche zu waschen. Es wird immer mehr Wäsche zu waschen sein. Jeden Tag arbeiten wir und verschmutzen unsere Kleidung mit Schweiß. Wir werfen sie zur Schmutzwäsche und wiederholen den Vorgang am nächsten Tag. Ein ununterbrochener Zyklus von Schuften, Verschmutzen und Säubern. Klingt wie Zen.”

Sudo schreibt auch über die Dusche und den Toilettengang, über das Kochen, Putzen, Geschirrspülen und Müll entsorgen. Undogmatisch erklärt er, warum der Zen-Schüler die Zeit, in der er fernsieht, auf ein Minimum beschränken sollte, und warum er nicht sofort aufspringen sollte, nur weil das Telefon klingelt. Des Weiteren schreibt er über:

Kleidung. “Zen erinnert uns daran, dass Kleider keine Leute machen.” Sudo erzählt die Geschichte vom Zen-Meister Ikkyu, der einmal in Lumpen zu einem Festmahl erschien und hinausgeworfen wurde, weil man ihn für einen Bettler hielt. Als er in seinem Festgewand wieder erschien, wurde ihm das Essen serviert. Doch er legte das Gewand ab, breitete es vor seinem Tablett aus und verließ seinen Platz mit den erklärenden Worten: “Das Essen gehört dem Gewand, nicht mir.”

Natur. Sudo berichtet, wie der Buddha einmal seine Schüler zusammenrief, weil er eine Rede halten wollte. Als alle stumm dasaßen, drehte der Buddha eine Blume zwischen seinen Fingern. Nur ein Mönch bemerkte, dass die Predigt bereits angefangen hatte, und begann strahlend zu lächeln. “Jedes Lächeln entspringt einem Teil von uns selbst, der sich über ein Geschenk der Natur freut.”

Arbeit. “Manche Menschen beklagen sich über ihren Job, aber Zen sagt, wir sollten für Arbeit immer dankbar sein – sie verschafft uns ein Dach überm Kopf und das Essen auf dem Tisch.” Eine einfache Wahrheit, ganz typisch für die Zen-Lehre. Zen-Mönche sehen die Arbeit als Teil ihrer spirituellen Praxis. “Verrichten Sie ein ehrliches Arbeitspensum”, empfiehlt Sudo. “Es ist der Baustein eines spirituellen Lebens.” (Hier sah ich eine interessante Parallele zu Ernst Wiecherts Roman “Das einfache Leben”, in dem der christliche Geistliche der Hauptfigur ebenfalls zu einem arbeitsamen Leben rät.)

Computer. Für die meisten von uns sind sie heute essenzielle Werkzeuge unserer Arbeit. Sudo rät daher dazu, der Maschine vor Beginn unserer Tätigkeit einmal respektvoll zuzunicken. Durch diese kurze Verneigung erkennen wir den Beitrag an, den der Computer zu unserem Leben leistet. Außerdem würdigen wir die Arbeit der Menschen, die ihn konstruiert, programmiert, hergestellt und geliefert haben. Im Kern geht es um Dankbarkeit und um Rituale, die uns selbst und unsere Umwelt an vermeintliche Selbstverständlichkeiten erinnern.

Meetings. Meetings gehören mindestens genau so selbstverständlich zu unserem Arbeitsalltag wie Computer. Wenn ich mich an bestimmte Meetings der letzten Tage erinnere, komme ich allerdings nicht umher, sie als verschwendete Zeit anzusehen. Im Zen gilt es als Sünde, Zeit zu verschwenden – daher empfiehlt Sudo, sich vor dem Meeting die Frage der Notwendigkeit zu stellen, jedes Meeting pünktlich beginnen und enden zu lassen (alles andere wäre respektlos gegenüber der Zeit der Teilnehmer), sich an Meetings rege zu beteiligen und vernünftig darauf vorzubereiten. Durch diese Praxis biete sich auch in Meetings eine “einzigartige Chance zur Erleuchtung”.

Titel. In Japan tauscht man im Geschäftsleben traditionell Visitenkarten aus, um die eigene Betriebszugehörigkeit auszuweisen. Unter Zen-Praktizierenden gelten jedoch Titel und Bezeichnungen nichts. “Im Zen zählt nicht unser Status, sondern unsere spirituelle Entwicklung”, schreibt Sudo. “Je weiter wir auf dem Weg der Erleuchtung gekommen sind, desto bescheidener werden wir.” Diese Erkenntnis hat mich inspiriert, meine Biografie auf meiner Autorenseite einmal mehr umzuschreiben und die Aufzählung meiner beruflichen Rollen und Aufgaben ersatzlos zu streichen. “Wenn wir unsere innere Arbeit tun, wird unser Geist unsere Visitenkarte sein.”

Konsum. Auch wenn Zen das Leben im Moment bedeutet und der Zen-Schüler daher nicht zu viel an die Zukunft denken soll, ist Sparsamkeit laut Sudo eine Tugend, die völlig im Einklang mit den Werten des Zen steht: “Indem wir etwas beiseite legen, vollziehen wir einen bewussten Akt der Selbstdisziplin. Wenn wir dies tun, denken wir nicht nur ‘in die Ferne’, sondern praktizieren auch im gegenwärtigen Moment.” Gleichzeitig sollten wir das Geld niemals unser Denken beherrschen oder es von uns Besitz ergreifen lassen: “Stecken Sie Ihr Geld ein, und sagen Sie: ‘Ich habe, was ich brauche.'” Wenn wir im Einkaufszentrum etwa einen Drang zu einem Impulskauf verspüren, sollen wir den Grund für den Impuls genau betrachten. “Wenn Begehrlichkeit, Gier und Unzufriedenheit die Ursache sind, dann ist das ein Signal heimzufahren. Wonach wir suchen, werden wir im Einkaufszentrum nicht finden.”

Essen. Die Mittagspause sollte ein Moment der Achtsamkeit sein. Im Zen gibt es einen Spruch: “Geh und iss nicht gleichzeitig.” Ein Zen-Lehrer sagte auch einmal: “Esst und lest nicht gleichzeitig Zeitung.” Stattdessen schaufeln wir oft genug nur irgendetwas Essbares in uns hinein, starren dabei ins Telefon oder tratschen mit Arbeitskollegen. Wie oft habe ich meine Mittagspause allein am Schreibtisch verbracht und mir den Laptop so aufgestellt, dass ich beim Essen gleichzeitig noch Videos anschauen oder Artikel lesen konnte. Künftig werde ich mir meines Tuns wieder mehr bewusst werden und dankbarer für die Mittagspause sein, indem ich sie achtsam würdige.

An einer anderen Stelle beschreibt Sudo den Essensplan der Zen-Mönche mit dem einfachen Imperativ: “Iss, wenn du Hunger hast.” Im Umkehrschluss heiße das auch: Iss nicht, wenn du keinen Hunger hast, also: Iss nicht mehr als nötig. Vor allem solle man das Essen nicht als Ersatz für emotionale oder spirituelle Nahrung missbrauchen.

“Alle Lebensmittel tragen die Segnungen des Lebens”, schreibt Sudo und erzählt von einem Zen-Mönch, der Zeuge einer Unterhaltung zwischen einem Metzger und einem Kunden wurde. “‘Geben Sie mir das beste Stück Fleisch, das Sie haben’, sagte der Kunde. ‘Alles in meinem Laden ist vom Besten’, erwiderte der Metzger. ‘Sie können hier kein Stück Fleisch finden, das nicht das beste ist.'” Als der Mönch diese Worte vernahm, erfuhr er Satori – die Erkenntnis der Buddha-Natur. Der Metzger gab nämlich nicht nur an, sondern “verwies auf eine tiefere Wahrheit: Alle Dinge strahlen etwas Göttliches aus.”

Schreiben. Sudo zitiert dazu den Zen-Meister Ikkyu, der einmal sagte: “Etwas zu schreiben, um es zu hinterlassen, ist nur eine andere Art von Traum: Wenn ich erwache, weiß ich, dass es niemanden geben wird, um es zu lesen.” Ein Zitat, das mir seitdem naturgemäß quer im Magen liegt, auch wenn Sudo selbst Journalist und Autor war.

Allerdings gab es auch eine Stelle, die mich beim Lesen mit einem Gefühl tiefer Zufriedenheit und innerem Frieden erfüllte. Darin beschreibt Sudo, wie er auf einer Parkbank sitzt, die Welt vorbeiziehen sieht und dabei über die Verbindung allen Lebens seit Anbeginn der Zeit meditiert. Die Nabelschnur, die uns mit unserer Mutter und sie wiederum mit ihrer Mutter verbindet, führe immer weiter zurück, “bis zum Ursprung allen Seins. Wenn wir über unseren Bauchnabel meditieren wollen, sollten wir uns an diese Schnur erinnern. Sie ist noch immer da und verbindet uns mit allen, die in der großen Parade des Lebens vorüberziehen.

Schauen Sie, wie Ihre Familie vorbeigeht.”

Berlin, 27. Februar 2019

Die zitierten Passagen stammen aus Philip Toshio Sudo, “Zen rund um die Uhr” (Fischer Taschenbuchverlag, 2003/2006).

Drei Bücher über Zen

20 Bücher für nonkonformistisches Leben

In den letzten zehn Jahren habe ich einen Lebensentwurf entwickelt, dem ich heute einigermaßen stringent folge und der in vielen Aspekten dem gesellschaftlichen Mainstream widerspricht. Man kann diese Philosophie minimalistisch nennen, auch wenn die landläufigen Assoziationen mit diesem Begriff viel zu kurz greifen.

Meine Ideen stammen allerdings ganz überwiegend nicht von mir selbst, sondern aus Büchern. Ich habe schon immer viel und gern gelesen. Meinen Fernseher habe ich bereits vor einigen Jahren verkauft und zuletzt sogar mein Netflix-Abo gekündigt. Die meisten Bücher leihe ich als sparsamer Minimalist in der Bibliothek. In Berlin kostet ein Bibliotheksausweis nur 10 Euro im Jahr. Manche Bücher kaufe ich als digitale Variante für den E-Reader, zum Beispiel für Reisen, auf denen ich kein Papier tragen möchte.

Ich lese vor allem Sachbücher aus Gebieten wie Philosophie, Psychologie, Soziologie, Ökologie, Finanzen, Wirtschaft, Ernährung, Spiritualität und Selbsterfahrung. Ich lese auch Ratgeber und sogenannte Self-Help-Literatur. Ich habe da schon lange keine intellektuellen Berührungsängste mehr. Daneben lese ich Romane aus der sogenannten Weltliteratur, oft mit philosophischem Einschlag oder sonstigem Bezug zu meinen Lebensthemen.

Minimalismus

Auch wenn Blogs wie Zen Habits, The Minimalists oder Becoming Minimalist für mich der Einstieg in den modernen Minimalismus waren, habe ich eine Zeitlang auch nahezu jedes Buch zum Thema gelesen. Inzwischen quillt der Markt über und ich interessiere mich nur noch für grundlegend neue Sichtweisen.

Wenn ich drei Bücher empfehlen sollte, dann diese hier:

  • Fumio Sasaki, “Goodbye, Things – On Minimalist Living” (2017)

Das Buch des jungen japanischen Minimalisten Fumio Sasaki ist relativ neu, aber für mich zum jetzigen Zeitpunkt die beste überblicksartige Einführung in die Bewegung. Wenn man sich für Minimalismus interessiert und irgendwo beginnen will, dann eignet sich dieses Buch sehr gut.

  • Duane Elgin, “Voluntary Simplicity” (1981)

Elgin, ein Aktivist und Autor aus der US-Umweltbewegung der 1970er Jahre, schrieb einst den Klassiker zum Einfachen Leben, der bis heute Gültigkeit hat. Das Buch spricht noch gar nicht vom Minimalismus, sondern noch von “freiwilliger Einfachheit”. Es liefert die ideologischen Grundlagen und besteht wesentlich aus Interviews und Zitaten.

  • Greg MacKeown, “Essentialism – The Disciplined Pursuit of Less” (2014)

Dieses Buch des Unternehmensberaters Greg MacKeown zeigt, dass Minimalismus als Mindset auch auf andere Lebensbereiche (Terminkalender, Freundschaften, Aufträge etc.) anwendbar ist. MacKeown führt überzeugend den Nachweis, dass eine disziplinierte Reduktion auf die Essenz zu einem glücklicheren Leben führen kann.

Im Herbst 2018 las ich außerdem dieses Buch, das ich jedem Nutzer sozialer Medien ans Herz legen möchte:

  • Jaron Lanier, “Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now” (2018)

Der kritische Internet-Veteran fasst hier offenkundige Argumente gegen den exzessiven, impulsiven und obsessiven Gebrauch sozialer Medien zusammen und überzeugte mich, endlich den finalen Schritt zu gehen: Ich löschte alle meine Konten und rief diesen Blog ins Leben.

Sehr empfehlen kann ich auch beide Bücher des Informatikprofessors Cal Newport, die sich mit seiner Philosophie des digitalen Minimalismus befassen:

  • Cal Newport, “Deep Work” (2016) und “Digital Minimalism” (2019)

Newport stellt in Frage, welche digitalen Kommunikationsmittel (und damit verbundene Verhaltensweisen) wirklich einen Wert zu unserem Leben hinzufügen. Ihm geht es darum, bewusst den minderwertigen digitalen Lärm zu reduzieren, um Zeit und Raum für Fokussierung zu schaffen. Digitale Minimalisten nutzen viele digitale Tools entweder gar nicht oder nur mit starken Einschränkungen.

Spiritualität

Ich bin und war nie sonderlich religiös. In den 1990er Jahren erwachte mein primär philosophisches Interesse am Buddhismus. Heute praktiziere ich regelmäßig Vipassana-Meditation, besuche hin und wieder in ein buddhistisches Zentrum und gehe einmal im Jahr in ein Retreat.

In diesem weiten Feld möchte ich auf folgende Bücher hinweisen, die mich als aufgeklärten Geist in die sogenannte spirituelle Welt eingeführt haben:

  • Sam Harris, “Waking Up: A Guide to Spirituality Without Religion” (2014)

Harris ist ein atheistischer Philosoph mit einem rationalen, nicht-esoterischen Zugang zur Spiritualität. Seine Bücher waren wesentlich dafür verantwortlich, dass ich mich überhaupt für einen Bereich öffnete, den ich früher pauschal abgelehnt hätte. Ich kann auch seinen Essay “Lying” (2011) sehr empfehlen, ein flammendes und intelligentes Plädoyer gegen die Alltagslüge.

  • Jon Kabat-Zinn, “Wherever You Go, There You Are” (1994)

Der Mediziner Prof. Jon Kabat-Zinn ist der Begründer eines Programms namens MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction), das auf Meditations- und Achtsamkeitsübungen basiert. Ein erfahrener Musikmanager empfahl mir vor vielen Jahren dieses Buch und weckte so mein Interesse an Meditation. Ein MBSR-Kurs brachte mir schließlich Techniken der Vipassana-Meditation, das Modell der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) und viele weitere Aspekte von Achtsamkeit näher.

  • Eckhart Tolle, “The Power of Now” (1997) und “A New Earth” (2005)

Die Bücher des spirituellen Lehrers Eckhart Tolle bedienen sich u.a. an Ideen aus Vedanta, Daoismus und Zen-Buddhismus, ohne sich einer bestimmten Lehre vollständig zu verschreiben. Seine Ideen über das Leben im Moment und die Loslösung vom Ego waren wichtige Impulse für mich in einer Zeit, in der ich mich auf der Suche nach einer passenden Lebensphilosophie befand.

  • Theo Fischer, “Wu Wei: Die Lebenskunst des Tao” (1991)

Theo Fischer lebte die erste Hälfte seines Lebens als Unternehmensberater in Deutschland und die zweite Hälfte als Autor spiritueller und philosophischer Schriften in einem Dorf im Piemont. Von ihm lernte ich die Grundsätze des Daoismuseiner chinesischen Philosophieschule, die eine der zentralen Grundlagen für mein heutiges Denken bildet. Aus ihr entwickelte sich auch der Zen-Buddhismus.

  • Bhante Henepola Gunaratana, “Mindfulness in Plain English” (1991)

Dieses Buch von einem buddhistischen Mönch ist ein Standardwerk zur Einführung in die Vipassana-Meditation (Einsichtsmeditation). Ich las es während meines ersten einwöchigen Retreats im bayerischen Rosenwaldhof. Inzwischen meditiere ich täglich ungefähr 20 bis 25 Minuten nach der Methode, die ich dort acht Stunden am Tag praktizierte.

Ernährung

Nachdem ich vor einigen Jahren gesundheitliche Probleme wegen meines toxischen Lebenswandels bekam, stellte ich meinen Speiseplan radikal um. Ich beschäftigte mich mit Konzepten wie basischer Ernährung, vor allem jedoch las ich im Krankenhaus zwei Bücher, aus denen ich meine künftigen Ernährungsregeln destillierte:

  • Michael Pollan, “The Omnivore’s Dilemma” (2006)
  • John Robbins, “Healthy At 100” (2008)

Ich lebe nicht streng vegan oder vegetarisch, aber ich nehme kein Fleisch von Säugetieren zu mir, trinke keinen Alkohol, esse nur ein- bis zweimal die Woche Fisch und sehr viel frisches Obst, Gemüse und Kräuter. (Hin und wieder falle ich auch mal in alte Gewohnheiten zurück. Ich liebe Kohlenhydrate. Aber ich habe erkannt, dass ich mich auf einem Weg befinde und mich nicht dafür verurteilen werde.)

UPDATE (08. März 2019): Kürzlich empfahl mir ein langjähriger Geschäftspartner und guter Bekannter ein Buch, das mir nochmal ein paar neue Perspektiven auf meine Ernährung eröffnete und das ich hier ebenfalls empfehlen möchte:

  • Julia Ross, “Was die Seele essen will” (2002)

Arbeit

In Bezug auf mein berufliches Selbstverständnis möchte ich folgende Bücher zumindest erwähnen. Auch wenn ich sie heute nur noch eingeschränkt empfehlen würde, waren sie zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben sehr wichtig:

  • Tim Ferriss, “The Four Hour Workweek” (2007)
  • Sascha Lobo & Holm Friebe, “Wir nennen es Arbeit: Die digitale Bohème” (2006)
  • Jason Fried & David Heinemeier Hansson, “Rework” (2010)

Diese Bücher las ich, als ich an Scheidewegen in meiner beruflichen Laufbahn stand. Sie zeigten mir unkonventionelle Wege auf, mit meinem Wissen und meinen Fähigkeiten genug Geld zu verdienen, ohne mich in die Abhängigkeit fester Arbeitsverhältnisse zu begeben. Gleichzeitig stellten sie vieles in Frage, was ich in klassischen Unternehmen gesehen und gelernt hatte.

Viele Jahre war ich als freier Autor, unabhängiger Berater und selbständiger Projektmanager tätig. In dieser Zeit sah ich mich ganz klar als Teil der von Lobo und Friebe beschriebenen “digitalen Bohème”—und auch wenn ich inzwischen in Vollzeit-Festanstellung arbeite, bleibt ein Teil von mir für immer ein digitaler Bohemien. Zum Arbeiten brauche ich nicht mehr als meinen Laptop. Mein Arbeitsplatz kann ein AirBnB-Zimmer oder Zugabteil irgendwo auf der Welt sein, ein Café oder ein Co-Working-Space, ein Küchentisch in einer WG oder einem Musikstudio.

Finanzen

Sparsamkeit und Frugalität sind für mich konsequente und logische Fortführungen der minimalistischen Philosophie im Alltag. Meine Ideen zum Umgang mit Geld basieren im Wesentlichen auf drei Büchern, die sich mit der Idee der finanziellen Unabhängigkeit beschäftigen und über die ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben habe.

Finanzielle Unabhängigkeit ist der Zustand, wenn die Erträge deiner Ersparnisse und Investitionen deine laufenden Ausgaben decken. Ich bin selbst zwar noch nicht an diesem Punkt, halte ihn aber für erstrebenswert, um innerhalb eines kapitalistischen Systems größtmögliche individuelle Autonomie zu erlangen.

Letztlich geht es in allen genannten Büchern darum, Freiheit zu erreichen—Freiheit von der Tyrannei der Erwartungen, von gesellschaftlichen Konventionen und Normen, von eigenen Gewohnheiten und erlernten Denkmustern. Diese Bücher führten mich auf einen Weg zu einem unangepassten Leben im Einklang mit meinen Werten.

Deshalb glaube ich nicht an Mentoren, sondern an Bücher.

Berlin, 23. Februar 2019

Warum ich klare Regeln mag

Introvertiert und einverstanden damit

Vor dem letzten Wochenende erwischte mich ein grippaler Infekt. Als ich heute auf dem Weg zum Arzt war, stellte ich fest, dass ich seit vier Tagen mit keinem Menschen außer meiner Lebensgefährtin gesprochen hatte. Kurz redete ich mir ein, das sei eine besondere Ausnahmesituation, die natürlich nur der Krankheit geschuldet sei, aber die Wahrheit ist: An vielen anderen Wochenenden sieht es bei mir ähnlich aus.

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Ich bin das, was man gemeinhin als introvertiert bezeichnet. Früher habe ich meine Introvertiertheit verleugnet, vor allem vor mir selbst. Ich dachte immer, ich müsse mich einfach nur aufraffen. Ich glaubte nämlich, sonst würde ich etwas verpassen. Also rannte ich immer dahin, wo richtig was los war—auf die Parties, in die Clubs und Bars, auf die großen Empfänge. Und wenn ich doch mal meinen wahren Bedürfnissen nachgab und zu Hause blieb, war die berühmte FOMO (“Fear of Missing Out”) mein ständiger Begleiter.

Heute begleitet mich am Wochenende stets die weniger bekannte JOMO. Wobei, so unbekannt ist sie auch nicht mehr. Zuletzt wurden dieser Form der Lebensfreude ganze Bücher gewidmet und im Internet kursieren Memes, in denen das Akronym folgendermaßen aufgelöst wird:

JOMO (noun). Joy of Missing Out. Feeling content with staying in and disconnecting as a form of self-care.

Es mag übertrieben klingen, aber für mich ist der wochenendliche Rückzug in die Einsiedelei tatsächlich ein Akt der Selbstfürsorge. Genießen kann ich die Einkehr, seit ich verstanden habe, dass ich zu den geschätzten 33–50% Introvertierten auf der Welt gehöre. Nun sind die meisten von uns keine hundertprozentigen Intro- oder Extroverts, sondern irgendwelche Mischformen. Aber grundsätzlich gehören wir schon zu einer der beiden Fraktionen—selbst wenn wir gelegentliche Ausflüge ins andere Terrain unternehmen, aus unterschiedlichen Gründen. Bei mir liegt der Fall sonnenklar.

Um das zu verifizieren, könnten wir bis in meine Kindheit zurückgehen und feststellen, dass ich mich als Einzelkind immer gut mit mir selbst beschäftigen konnte. Wenn ich an die schönsten Momente dieser Zeit zurückdenke, dann fallen mir die unzähligen sommerlichen Stunden auf dem Rücksitz ein, wenn ich mit meinen Eltern im Wohnwagengespann durch einsame Natur gondelte, weit weg von Heimat und Schule, fern von allen sozialen Verpflichtungen, mit vielen Büchern, aber ohne Mobiltelefon.

Es ist jedoch nicht nur so, dass ich gern Zeit mit mir selbst verbringe. Das allein macht mich auch noch nicht zum Introvert. Es ist viel mehr als das: Ich brauche diese Zeit regelrecht, um aufzutanken. Denn jede Form von Kontakt zieht mir Energie ab, während Extrovertierte erst im Kontakt so richtig aufblühen. Für mich ist sozialer Umgang, egal wie angenehm ich ihn auch in dem Moment finden mag, generell anstrengend—und ich brauche dafür einen Ausgleich im Alleinsein.

Foto: Claudia Kunze

Im Minimalists-Podcast ging es kürzlich um die Beziehungen von Erwachsenen, die man in drei Ringe einteilen kann. Im ersten Ring befinden sich die wichtigsten Menschen: Partner, Eltern, enge Freunde. Im zweiten Ring befinden sich Freunde und Familienmitglieder, zu denen man intensiven Kontakt pflegt, sich also mehrmals im Monat mit ihnen austauscht. Im dritten Ring befinden sich lose Freunde oder Bekannte, die man nur ein paar Mal im Jahr trifft oder spricht. Kaum jemand über 30 hat mehr als fünf Menschen im ersten Ring—das gilt für Extrovertierte wie Introvertierte gleichermaßen. Doch während Extrovertierte eine hohe Zahl von Kontakten im zweiten Ring pflegen, wandern bei Introvertierten die meisten übrigen Kontakte in den dritten Ring.

Vor einiger Zeit las ich das Buch “Quiet: The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking” von der Autorin Susan Cain, die auch einen großartigen TED Talk zum Thema gegeben hat. Die (introvertierte) Ex-Wall-Street-Anwältin hat dafür wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien zusammengetragen und stellt anschaulich dar, dass unsere Gesellschaft eine Voreingenommenheit gegenüber Introvertierten entwickelt hat. Extrovertierte gelten als erfolgreich, charismatisch und selbstbewusst. Introvertierten wird von klein auf das Gefühl gegeben, mit ihnen stimme etwas nicht und sie müssten sich verändern, so müssten sie geselliger und offener werden und einfach “mehr auf andere zugehen”.

Ich kenne das Problem aus eigener Erfahrung. Der Wunsch, zu irgendeiner Gruppe zu gehören, hat mich Jahre (wenn nicht Jahrzehnte) davon abgehalten, meine eigenen Grenzen zu beschützen. Man bekommt von der Gesellschaft vermittelt, man sei seltsam, wenn man sich am Wochenende lieber mit einem Stapel Bücher in der Wohnung verkriecht, anstatt von Party zu Party zu ziehen. Dabei hatte ich immer schon Phasen, in denen sich mein Wunsch, mich von allem abzutrennen, durchsetzen konnte: Als junger Student zog ich für ein halbes Jahr nach Zürich und tat dort nichts außer lange Spaziergänge an der Goldküste zu unternehmen, Dostojewski zu lesen und andere Austauschstudenten zu meiden.

Trotzdem fand ich mich immer wieder in Situationen, in denen ich mich äußerst unwohl fühlte: Fast jedes Wochenende stand ich in irgendeinem lauten Großstadtclub und hielt mich an einem überteuerten Kaltgetränk fest. Nur aus Angst, etwas zu verpassen, was aber nie passierte (die überwiegende Zahl dieser Nächte verlief erschreckend ähnlich). Irgendwann, ungefähr mit Mitte 30, verstand ich, dass ich mich nicht länger verstellen muss. Ich nahm mich und meine Introvertiertheit endlich an. (Zyniker würden dagegenhalten, ich sei einfach zu alt für die Clubs geworden.)

Introvertierte haben klare Nachteile in unserer Gesellschaft. Fast jede Stellenanzeige wünscht sich einen “teamfähigen”, “kontaktfreudigen” und “kommunikativen” Mitarbeiter. Dabei brauchen Unternehmen auch die anderen: Die ruhigen Denker. Die Tüftler und Nerds. Die, die bei jeder Firmenparty schüchtern in der Ecke stehen und nach dem perfekten Zeitpunkt für den polnischen Abgang suchen. Die aber immer wieder geniale Einfälle in ihrem stillen Kämmerlein haben. Besonders die Kreativbranche sollte diese Mitarbeiter zu schätzen wissen.

Introvertierte sind keine schlechteren Menschen. Wir brauchen einfach nur weniger Kontakt und dafür mehr Zeit für uns selbst. Extrovertierte merken oft gar nicht, wenn sie über unsere Grenzen gehen. Für uns ist es schwierig, diese Grenzen zu wahren, ohne andere zu verletzen. Ich habe über Jahre gelernt, konsequent Nein zu sagen und meine Grenzen zu beschützen. Auf dem Weg gab es auch Streit und Enttäuschung. Ich musste mir meine Freiheit mühsam erkämpfen.

Ich treffe gern Menschen. Aber ich treffe sie viel lieber zum Eins-zu-Eins-Austausch als in einer Gruppe. In größeren Gruppen gehe ich unter und ziehe mich schnell zurück. Ich will nicht im Mittelpunkt stehen, erzähle nicht die lustigsten Geschichten und reiße nicht die lautesten Witze. Aber im direkten Gespräch habe ich Qualitäten, die andere nicht haben: Ich höre aktiv zu, habe eine ausgeprägte Empathie und gelange schnell zum eigentlichen Kern eines Themas. Deshalb erzählen mir Menschen auch sehr gern ihre Probleme. Hier kommen dann wieder meine Grenzen ins Spiel, aber das ist ein anderes Thema.

Ich treffe Freunde gern zum Essen, zum Kaffee oder zum Spazierengehen. Parties sind mir in aller Regel ein Gräuel. Ich mag Konzerte, aber da muss man sich auch mit niemandem unterhalten. (Ehrlich gesagt, nervt mich fast nichts mehr, als wenn sich Menschen auf Konzerten mit mir unterhalten wollen.) Ausstellungen sind eine angenehme Mischform: Es gibt Exponate, mit denen man sich auch gut allein beschäftigen kann. Man kann, aber muss sich nicht darüber unterhalten. Es gibt Interaktion, aber keinen Zwang.

Ich mag auch Fast-Food-Restaurants. Nicht das Essen—aber ich mag den Umstand, dass man dort ungestört allein sein darf. Es gibt eine soziale Konvention, die es uns völlig unverdächtig finden lässt, wenn jemand nachts allein in einem McDonald’s sitzt, Tee trinkt und aus dem Fenster starrt. Aber es gibt auch eine andere soziale Konvention, die es aus irgendwelchen Gründen nicht zulässt, dass man allein ins Theater, ins Kino oder in ein besseres Restaurant geht, ohne bemitleidende Blicke zu kassieren.

Noch einmal: Ich mag Menschen und treffe sie gern. Jedenfalls in Maßen. Unter der Woche treffe ich aber schon beruflich jede Menge Menschen. Ein Großteil meiner Arbeitstage besteht aus internen wie externen Meetings, dazu kommen Lunch-Verabredungen und gelegentliche abendliche Treffen mit Freunden auf eine japanische Nudelsuppe oder ein alkoholfreies Bier. Wie verwunderlich ist es da, dass ich an den meisten Wochenenden keinen Bedarf nach weiterem Kontakt habe? Nun, wahrscheinlich muss man introvertiert sein, um das wirklich zu verstehen.

Gehörst du zu den Extrovertierten, kannst du froh darüber sein. Ihr genießt viele Vorteile in der Gesellschaft. Als Ausgleich bitten wir euch nur um eines: Nehmt ein bisschen Rücksicht und versucht, etwas Verständnis aufzubringen. Seid nicht beleidigt, wenn wir Verabredungen erst zu-, dann aber doch wieder absagen. Unsere Absage heißt nicht, dass wir euch nicht mehr mögen. Wir brauchen vermutlich nur mal wieder Zeit für uns. Manchmal lernen wir auch erst durch eure Beharrlichkeit, wie sehr wir die Nähe anderer Menschen zu schätzen wissen.

Den Introvertierten möchte ich nur eines sagen: Ihr seid völlig in Ordnung, so wie ihr seid. Ich weiß genau, wie schwierig es manchmal ist. Aber wir sind wichtig für die Welt. Genau wie Extrovertierte haben wir einzigartige Talente und Fähigkeiten. Und es gibt viele Menschen da draußen, die das zu schätzen wissen. Wichtig ist nur, dass wir uns wohlwollend annehmen und unsere Grenzen schützen lernen.

Berlin, 18. Februar 2019

Warum ich klare Regeln mag

Dieter Rams wäre heute kein Designer geworden

Über 30 Jahre leitete Dieter Rams die Design-Abteilung der Firma Braun und war verantwortlich für ikonische Entwürfe von Radios, Plattenspielern, Küchenmixern und elektrischen Zahnbürsten. Für den Möbelhersteller Vitsoe gestaltete er u.a. das berühmte Regalsystem Vitsoe 606, das seit 1960 gebaut wird. Rams gilt als größte Inspiration von Jonathan Ive, dem Chefdesigner bei Apple, der das MacBook Pro, das iPhone oder das iPad entworfen hat. Seinen Arbeiten wurden zahlreiche Ausstellungen gewidmet, viele stehen heute in Museen für Kunst und Design.

Die sehenswerte Dokumentation “Rams” von Filmemacher Gary Hustwit porträtiert den heute 86-jährigen als Vordenker des modernen Minimalismus, nicht nur auf gestalterischer, sondern auch auf philosophischer Ebene. Für Rams sollen Produkte vor allem einen Wert zum Leben desjenigen hinzufügen, der sie benutzt—und das Design soll nicht mehr als diesem Wert kompromisslos dienen. Alles, was diesem Wert nicht dient, kann und sollte sogar weggelassen werden. Seine Designphilosophie hat er einmal in 10 Thesen zusammengefasst:

  1. Gutes Design ist innovativ.
  2. Gutes Design macht ein Produkt brauchbar.
  3. Gutes Design ist ästhetisch.
  4. Gutes Design macht ein Produkt verständlich.
  5. Gutes Design ist ehrlich.
  6. Gutes Design ist unaufdringlich.
  7. Gutes Design ist langlebig.
  8. Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.
  9. Gutes Design ist umweltfreundlich.
  10. Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.

In weiten Teilen der Industrie bedeutet Design heute etwas ganz anderes. Ständig neue Produkte in aufgeregten Verpackungen sollen uns dazu verleiten, mehr zu kaufen als wir brauchen. Statt Nachhaltigkeit und Langlebigkeit regieren Fast Fashion und Billigware. Für Rams ein Gräuel: “Heute würde ich kein Designer mehr werden wollen”, sagt er. “Es gibt schon zu viele unnütze Produkte in dieser Welt.”

Der Film zeigt Dieter Rams bei öffentlichen Auftritten und Ausstellungen, aber auch in seinem Haus in Kronberg im Taunus, nahe Frankfurt am Main. Dort lebt er seit Jahrzehnten mit seiner Frau Ingeborg, die er kennenlernte, als sie für Braun als Produktfotografin arbeitete. Und gerade dort konnte Hustwit großartige Bilder einfangen: Rams in einem minimalistisch möblierten Büro an seiner alten Schreibmaschine. Rams in seinem japanisch inspirierten Garten, sich über die Patina auf einem kleinen Steinbuddha freuend. Rams bei der Arbeit an seinen Bonsai-Bäumen: “Das Schneiden ist Design”, sagt er. “Man könnte es auch ein Hobby nennen. Aber ich mag dieses Hobby.”

Genau so wie Dieter Rams seine Produkte gestaltet hat, so hat er auch sein Leben kuratiert: Auf die Essenz reduziert, nur mit dem Notwendigsten ausgestattet. Weniger, aber besser. Es geht darum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren—und alles andere radikal auszublenden. Insoweit ist “Rams” viel mehr als ein Film über einen visionären Designer. Es ist ein kritischer Film über den allgegenwärtigen Konsumismus und auch darüber, wie man es schafft, seine Werte in dieser materialistischen Welt nicht zu verraten.

Ein spontaner Gedanke dazu: Was wäre, wenn wir wirklich Materialisten im wahrsten Sinne des Wortes würden und uns viel mehr mit den Materialien beschäftigen, aus denen unsere Produkte hergestellt werden? Wenn wir einen Qualitätsanspruch entwickeln, der es gar nicht zulässt, jede Woche ein neues Hemd oder jedes Jahr eine neue Wohnungseinrichtung zu kaufen? Weil wir nur Dinge kaufen, die aus erstklassigen Materialien bestehen und die dementsprechend lange halten? Und weil wir nur die besten, langlebigsten Dinge in unserem Leben akzeptieren und keinen billigen Schrott, der schnell wieder aus der Mode gerät und genau so schnell in der Mülltonne landet?

Auch wenn sich vieles derzeit in eine gegenläufige Richtung entwickelt, inspiriert Dieter Rams immer noch viele Designer und auch ganz normale Menschen, die einfach keine minderwertigen Dinge mehr in ihr Leben lassen wollen. Gerade der moderne Minimalismus führt viele der Ideen weiter, die Vordenker wie Rams entwickelt haben. Neulich habe ich über die Unterschiede zwischen Minimalismus als Stilrichtung und Minimalismus als Lebensstil geschrieben—bei Dieter Rams geht beides Hand in Hand.

Berlin, 16. Februar 2019

Die zwei Bedeutungen des M-Wortes

Danke, gut

Ich möchte mich heute bedanken, denn ich freue mich sehr über das Interesse und die Rückmeldungen zu meinen Texten, die ich hier nun seit viereinhalb Monaten unregelmäßig veröffentliche.

Zu Beginn war es sehr aufregend für mich. Weil ich die letzten 15 Jahre primär über Musik und Kultur geschrieben hatte, war ich mir unsicher, ob irgendjemand überhaupt etwas anderes von mir lesen will. Und ohne Social-Media-Kanäle ist es natürlich auch sehr schwierig, Menschen auf meine Texte aufmerksam zu machen. Aber mir sind die Themen, über die ich hier schreibe, so wichtig, dass ich alle (Selbst-)Zweifel überwunden habe.

Seit meiner Jugend schreibe ich Texte, seit meiner Studienzeit veröffentliche ich sie. Den größten Teil meines bisherigen Berufslebens als freier Autor, Journalist und Redakteur habe ich davon gelebt. Ich habe hunderte von Artikeln und Rezensionen geschrieben, Interviews geführt, Platten, Bücher, Filme und Konzerte besprochen. Nur äußerst selten habe ich jedoch über Themen geschrieben, die meine eigene Lebensphilosophie betreffen.

Um so schöner ist es jetzt, das positive Feedback darauf zu erleben. Ich kann in den WordPress-Statistiken sehen, dass es tatsächlich schon eine kleine Leserschaft gibt, die mit gewisser Regelmäßigkeit hierhin zurückkehrt. Ein paar haben auch meinen Newsletter abonniert, und ich bekomme immer häufiger persönliche Rückmeldungen, die mir wirklich viel bedeuten.

Ob es Kollegen aus der Branche sind, die mir während eines Geschäftstelefonats ganz nebenbei erzählen, dass sie mit Begeisterung meinen Blog lesen; ob es gute Freunde oder entfernte Bekannte sind, die plötzlich bestimmte Themen aus dem Blog mit mir diskutieren wollen, oder auch fremde Menschen, die mir E-Mails schreiben, um ihre eigenen Gedanken und Erfahrungen mit mir zu teilen.

Ich mache das hier zwar primär für mich selbst—das heißt aber nicht, dass es mich nicht berührt, wenn auch andere sich Inspiration aus meinen Gedanken und Erkenntnissen ziehen können. Im Gegenteil, ich freue mich wirklich über jede einzelne Mitteilung, jede positive Anregung, jede interessierte Frage und überhaupt jedes Interesse, das Menschen an meinen Texten zeigen.

Die Minimalismus-Bewegung ist insgesamt an einem Punkt, an dem ihre Inhalte langsam in den Mainstream diffundieren. Netflix veröffentlicht eine Aufräum-Show der Japanerin Marie Kondo, die als Minimalistin vermarktet wird. Seriöse Tageszeitungen und Magazine beschäftigen sich mit dem Phänomen. Es gibt zahlreiche erfolgreiche Minimalismus-Podcasts, jede Woche schwemmen neue Minimalismus-Bücher auf den Markt.

Auch ich selbst plane tatsächlich gerade ein Buchprojekt zu diesem Thema. Das wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber der Blog ist für mich ein wichtiger Schritt auf diesem Weg—nicht nur um, wie ich neulich meinte, meinen Schreibmuskel ständig zu trainieren, sondern auch um intelligente, wertvolle Rückmeldungen zu erhalten, die mich inhaltlich weiterbringen und mir neue Impulse geben.

Schreibt mir also gern weiter E-Mails oder abonniert meinen Newsletter. Ich weiß es sehr zu schätzen.

Berlin, 14. Februar 2019

Warum ich blogge