20 Bücher für nonkonformistisches Leben

In den letzten zehn Jahren habe ich einen Lebensentwurf entwickelt, dem ich heute einigermaßen stringent folge und der in vielen Aspekten dem gesellschaftlichen Mainstream widerspricht. Man kann diese Philosophie minimalistisch nennen, auch wenn die landläufigen Assoziationen mit diesem Begriff viel zu kurz greifen.

Meine Ideen stammen allerdings ganz überwiegend nicht von mir selbst, sondern aus Büchern. Ich habe schon immer viel und gern gelesen. Meinen Fernseher habe ich bereits vor einigen Jahren verkauft und zuletzt sogar mein Netflix-Abo gekündigt. Die meisten Bücher leihe ich als sparsamer Minimalist in der Bibliothek. In Berlin kostet ein Bibliotheksausweis nur 10 Euro im Jahr. Manche Bücher kaufe ich als digitale Variante für den E-Reader, zum Beispiel für Reisen, auf denen ich kein Papier tragen möchte.

Ich lese vor allem Sachbücher aus Gebieten wie Philosophie, Psychologie, Soziologie, Ökologie, Finanzen, Wirtschaft, Ernährung, Spiritualität und Selbsterfahrung. Ich lese auch Ratgeber und sogenannte Self-Help-Literatur. Ich habe da schon lange keine intellektuellen Berührungsängste mehr. Daneben lese ich Romane aus der sogenannten Weltliteratur, oft mit philosophischem Einschlag oder sonstigem Bezug zu meinen Lebensthemen.

Minimalismus

Auch wenn Blogs wie Zen Habits, The Minimalists oder Becoming Minimalist für mich der Einstieg in den modernen Minimalismus waren, habe ich eine Zeitlang auch nahezu jedes Buch zum Thema gelesen. Inzwischen quillt der Markt über und ich interessiere mich nur noch für grundlegend neue Sichtweisen.

Wenn ich drei Bücher empfehlen sollte, dann diese hier:

  • Fumio Sasaki, “Goodbye, Things – On Minimalist Living” (2017)

Das Buch des jungen japanischen Minimalisten Fumio Sasaki ist relativ neu, aber für mich zum jetzigen Zeitpunkt die beste überblicksartige Einführung in die Bewegung. Wenn man sich für Minimalismus interessiert und irgendwo beginnen will, dann eignet sich dieses Buch sehr gut.

  • Duane Elgin, “Voluntary Simplicity” (1981)

Elgin, ein Aktivist und Autor aus der US-Umweltbewegung der 1970er Jahre, schrieb einst den Klassiker zum Einfachen Leben, der bis heute Gültigkeit hat. Das Buch spricht noch gar nicht vom Minimalismus, sondern noch von “freiwilliger Einfachheit”. Es liefert die ideologischen Grundlagen und besteht wesentlich aus Interviews und Zitaten.

  • Greg MacKeown, “Essentialism – The Disciplined Pursuit of Less” (2014)

Dieses Buch des Unternehmensberaters Greg MacKeown zeigt, dass Minimalismus als Mindset auch auf andere Lebensbereiche (Terminkalender, Freundschaften, Aufträge etc.) anwendbar ist. MacKeown führt überzeugend den Nachweis, dass eine disziplinierte Reduktion auf die Essenz zu einem glücklicheren Leben führen kann.

Im Herbst 2018 las ich außerdem dieses Buch, das ich jedem Nutzer sozialer Medien ans Herz legen möchte:

  • Jaron Lanier, “Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now” (2018)

Der kritische Internet-Veteran fasst hier offenkundige Argumente gegen den exzessiven, impulsiven und obsessiven Gebrauch sozialer Medien zusammen und überzeugte mich, endlich den finalen Schritt zu gehen: Ich löschte alle meine Konten und rief diesen Blog ins Leben.

Sehr empfehlen kann ich auch beide Bücher des Informatikprofessors Cal Newport, die sich mit seiner Philosophie des digitalen Minimalismus befassen:

  • Cal Newport, “Deep Work” (2016) und “Digital Minimalism” (2019)

Newport stellt in Frage, welche digitalen Kommunikationsmittel (und damit verbundene Verhaltensweisen) wirklich einen Wert zu unserem Leben hinzufügen. Ihm geht es darum, bewusst den minderwertigen digitalen Lärm zu reduzieren, um Zeit und Raum für Fokussierung zu schaffen. Digitale Minimalisten nutzen viele digitale Tools entweder gar nicht oder nur mit starken Einschränkungen.

Spiritualität

Ich bin und war nie sonderlich religiös. In den 1990er Jahren erwachte mein primär philosophisches Interesse am Buddhismus. Heute praktiziere ich regelmäßig Vipassana-Meditation, besuche hin und wieder in ein buddhistisches Zentrum und gehe einmal im Jahr in ein Retreat.

In diesem weiten Feld möchte ich auf folgende Bücher hinweisen, die mich als aufgeklärten Geist in die sogenannte spirituelle Welt eingeführt haben:

  • Sam Harris, “Waking Up: A Guide to Spirituality Without Religion” (2014)

Harris ist ein atheistischer Philosoph mit einem rationalen, nicht-esoterischen Zugang zur Spiritualität. Seine Bücher waren wesentlich dafür verantwortlich, dass ich mich überhaupt für einen Bereich öffnete, den ich früher pauschal abgelehnt hätte. Ich kann auch seinen Essay “Lying” (2011) sehr empfehlen, ein flammendes und intelligentes Plädoyer gegen die Alltagslüge.

  • Jon Kabat-Zinn, “Wherever You Go, There You Are” (1994)

Der Mediziner Prof. Jon Kabat-Zinn ist der Begründer eines Programms namens MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction), das auf Meditations- und Achtsamkeitsübungen basiert. Ein erfahrener Musikmanager empfahl mir vor vielen Jahren dieses Buch und weckte so mein Interesse an Meditation. Ein MBSR-Kurs brachte mir schließlich Techniken der Vipassana-Meditation, das Modell der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) und viele weitere Aspekte von Achtsamkeit näher.

  • Eckhart Tolle, “The Power of Now” (1997) und “A New Earth” (2005)

Die Bücher des spirituellen Lehrers Eckhart Tolle bedienen sich u.a. an Ideen aus Vedanta, Daoismus und Zen-Buddhismus, ohne sich einer bestimmten Lehre vollständig zu verschreiben. Seine Ideen über das Leben im Moment und die Loslösung vom Ego waren wichtige Impulse für mich in einer Zeit, in der ich mich auf der Suche nach einer passenden Lebensphilosophie befand.

  • Theo Fischer, “Wu Wei: Die Lebenskunst des Tao” (1991)

Theo Fischer lebte die erste Hälfte seines Lebens als Unternehmensberater in Deutschland und die zweite Hälfte als Autor spiritueller und philosophischer Schriften in einem Dorf im Piemont. Von ihm lernte ich die Grundsätze des Daoismuseiner chinesischen Philosophieschule, die eine der zentralen Grundlagen für mein heutiges Denken bildet. Aus ihr entwickelte sich auch der Zen-Buddhismus.

  • Bhante Henepola Gunaratana, “Mindfulness in Plain English” (1991)

Dieses Buch von einem buddhistischen Mönch ist ein Standardwerk zur Einführung in die Vipassana-Meditation (Einsichtsmeditation). Ich las es während meines ersten einwöchigen Retreats im bayerischen Rosenwaldhof. Inzwischen meditiere ich täglich ungefähr 20 bis 25 Minuten nach der Methode, die ich dort acht Stunden am Tag praktizierte.

Ernährung

Nachdem ich vor einigen Jahren gesundheitliche Probleme wegen meines toxischen Lebenswandels bekam, stellte ich meinen Speiseplan radikal um. Ich beschäftigte mich mit Konzepten wie basischer Ernährung, vor allem jedoch las ich im Krankenhaus zwei Bücher, aus denen ich meine künftigen Ernährungsregeln destillierte:

  • Michael Pollan, “The Omnivore’s Dilemma” (2006)
  • John Robbins, “Healthy At 100” (2008)

Ich lebe nicht streng vegan oder vegetarisch, aber ich nehme kein Fleisch von Säugetieren zu mir, trinke keinen Alkohol, esse nur ein- bis zweimal die Woche Fisch und sehr viel frisches Obst, Gemüse und Kräuter. (Hin und wieder falle ich auch mal in alte Gewohnheiten zurück. Ich liebe Kohlenhydrate. Aber ich habe erkannt, dass ich mich auf einem Weg befinde und mich nicht dafür verurteilen werde.)

UPDATE (08. März 2019): Kürzlich empfahl mir ein langjähriger Geschäftspartner und guter Bekannter ein Buch, das mir nochmal ein paar neue Perspektiven auf meine Ernährung eröffnete und das ich hier ebenfalls empfehlen möchte:

  • Julia Ross, “Was die Seele essen will” (2002)

Arbeit

In Bezug auf mein berufliches Selbstverständnis möchte ich folgende Bücher zumindest erwähnen. Auch wenn ich sie heute nur noch eingeschränkt empfehlen würde, waren sie zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben sehr wichtig:

  • Tim Ferriss, “The Four Hour Workweek” (2007)
  • Sascha Lobo & Holm Friebe, “Wir nennen es Arbeit: Die digitale Bohème” (2006)
  • Jason Fried & David Heinemeier Hansson, “Rework” (2010)

Diese Bücher las ich, als ich an Scheidewegen in meiner beruflichen Laufbahn stand. Sie zeigten mir unkonventionelle Wege auf, mit meinem Wissen und meinen Fähigkeiten genug Geld zu verdienen, ohne mich in die Abhängigkeit fester Arbeitsverhältnisse zu begeben. Gleichzeitig stellten sie vieles in Frage, was ich in klassischen Unternehmen gesehen und gelernt hatte.

Viele Jahre war ich als freier Autor, unabhängiger Berater und selbständiger Projektmanager tätig. In dieser Zeit sah ich mich ganz klar als Teil der von Lobo und Friebe beschriebenen “digitalen Bohème”—und auch wenn ich inzwischen in Vollzeit-Festanstellung arbeite, bleibt ein Teil von mir für immer ein digitaler Bohemien. Zum Arbeiten brauche ich nicht mehr als meinen Laptop. Mein Arbeitsplatz kann ein AirBnB-Zimmer oder Zugabteil irgendwo auf der Welt sein, ein Café oder ein Co-Working-Space, ein Küchentisch in einer WG oder einem Musikstudio.

Finanzen

Sparsamkeit und Frugalität sind für mich konsequente und logische Fortführungen der minimalistischen Philosophie im Alltag. Meine Ideen zum Umgang mit Geld basieren im Wesentlichen auf drei Büchern, die sich mit der Idee der finanziellen Unabhängigkeit beschäftigen und über die ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben habe.

Finanzielle Unabhängigkeit ist der Zustand, wenn die Erträge deiner Ersparnisse und Investitionen deine laufenden Ausgaben decken. Ich bin selbst zwar noch nicht an diesem Punkt, halte ihn aber für erstrebenswert, um innerhalb eines kapitalistischen Systems größtmögliche individuelle Autonomie zu erlangen.

Letztlich geht es in allen genannten Büchern darum, Freiheit zu erreichen—Freiheit von der Tyrannei der Erwartungen, von gesellschaftlichen Konventionen und Normen, von eigenen Gewohnheiten und erlernten Denkmustern. Diese Bücher führten mich auf einen Weg zu einem unangepassten Leben im Einklang mit meinen Werten.

Deshalb glaube ich nicht an Mentoren, sondern an Bücher.

Berlin, 23. Februar 2019

Warum ich klare Regeln mag