Dieter Rams wäre heute kein Designer geworden

Über 30 Jahre leitete Dieter Rams die Design-Abteilung der Firma Braun und war verantwortlich für ikonische Entwürfe von Radios, Plattenspielern, Küchenmixern und elektrischen Zahnbürsten. Für den Möbelhersteller Vitsoe gestaltete er u.a. das berühmte Regalsystem Vitsoe 606, das seit 1960 gebaut wird. Rams gilt als größte Inspiration von Jonathan Ive, dem Chefdesigner bei Apple, der das MacBook Pro, das iPhone oder das iPad entworfen hat. Seinen Arbeiten wurden zahlreiche Ausstellungen gewidmet, viele stehen heute in Museen für Kunst und Design.

Die sehenswerte Dokumentation “Rams” von Filmemacher Gary Hustwit porträtiert den heute 86-jährigen als Vordenker des modernen Minimalismus, nicht nur auf gestalterischer, sondern auch auf philosophischer Ebene. Für Rams sollen Produkte vor allem einen Wert zum Leben desjenigen hinzufügen, der sie benutzt—und das Design soll nicht mehr als diesem Wert kompromisslos dienen. Alles, was diesem Wert nicht dient, kann und sollte sogar weggelassen werden. Seine Designphilosophie hat er einmal in 10 Thesen zusammengefasst:

  1. Gutes Design ist innovativ.
  2. Gutes Design macht ein Produkt brauchbar.
  3. Gutes Design ist ästhetisch.
  4. Gutes Design macht ein Produkt verständlich.
  5. Gutes Design ist ehrlich.
  6. Gutes Design ist unaufdringlich.
  7. Gutes Design ist langlebig.
  8. Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.
  9. Gutes Design ist umweltfreundlich.
  10. Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.

In weiten Teilen der Industrie bedeutet Design heute etwas ganz anderes. Ständig neue Produkte in aufgeregten Verpackungen sollen uns dazu verleiten, mehr zu kaufen als wir brauchen. Statt Nachhaltigkeit und Langlebigkeit regieren Fast Fashion und Billigware. Für Rams ein Gräuel: “Heute würde ich kein Designer mehr werden wollen”, sagt er. “Es gibt schon zu viele unnütze Produkte in dieser Welt.”

Der Film zeigt Dieter Rams bei öffentlichen Auftritten und Ausstellungen, aber auch in seinem Haus in Kronberg im Taunus, nahe Frankfurt am Main. Dort lebt er seit Jahrzehnten mit seiner Frau Ingeborg, die er kennenlernte, als sie für Braun als Produktfotografin arbeitete. Und gerade dort konnte Hustwit großartige Bilder einfangen: Rams in einem minimalistisch möblierten Büro an seiner alten Schreibmaschine. Rams in seinem japanisch inspirierten Garten, sich über die Patina auf einem kleinen Steinbuddha freuend. Rams bei der Arbeit an seinen Bonsai-Bäumen: “Das Schneiden ist Design”, sagt er. “Man könnte es auch ein Hobby nennen. Aber ich mag dieses Hobby.”

Genau so wie Dieter Rams seine Produkte gestaltet hat, so hat er auch sein Leben kuratiert: Auf die Essenz reduziert, nur mit dem Notwendigsten ausgestattet. Weniger, aber besser. Es geht darum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren—und alles andere radikal auszublenden. Insoweit ist “Rams” viel mehr als ein Film über einen visionären Designer. Es ist ein kritischer Film über den allgegenwärtigen Konsumismus und auch darüber, wie man es schafft, seine Werte in dieser materialistischen Welt nicht zu verraten.

Ein spontaner Gedanke dazu: Was wäre, wenn wir wirklich Materialisten im wahrsten Sinne des Wortes würden und uns viel mehr mit den Materialien beschäftigen, aus denen unsere Produkte hergestellt werden? Wenn wir einen Qualitätsanspruch entwickeln, der es gar nicht zulässt, jede Woche ein neues Hemd oder jedes Jahr eine neue Wohnungseinrichtung zu kaufen? Weil wir nur Dinge kaufen, die aus erstklassigen Materialien bestehen und die dementsprechend lange halten? Und weil wir nur die besten, langlebigsten Dinge in unserem Leben akzeptieren und keinen billigen Schrott, der schnell wieder aus der Mode gerät und genau so schnell in der Mülltonne landet?

Auch wenn sich vieles derzeit in eine gegenläufige Richtung entwickelt, inspiriert Dieter Rams immer noch viele Designer und auch ganz normale Menschen, die einfach keine minderwertigen Dinge mehr in ihr Leben lassen wollen. Gerade der moderne Minimalismus führt viele der Ideen weiter, die Vordenker wie Rams entwickelt haben. Neulich habe ich über die Unterschiede zwischen Minimalismus als Stilrichtung und Minimalismus als Lebensstil geschrieben—bei Dieter Rams geht beides Hand in Hand.

Berlin, 16. Februar 2019

Die zwei Bedeutungen des M-Wortes