Ich habe meinen Shopping Ban gebrochen, um ein Buch über Minimalismus zu kaufen

Vor sechs Wochen habe ich vollmundig einen Shopping Ban für sechs Monate angekündigt, und diese Woche habe ich mein Versprechen gebrochen, indem ich ein neues Buch gekauft habe—und zwar ausgerechnet “Digital Minimalism” von Cal Newport. In der Version für den E-Reader hat es 11,99 Euro gekostet.

Im ersten Moment empfand ich diesen Kauf als peinliche Niederlage, die es am besten zu verschweigen galt. Inzwischen bin ich anderer Meinung. Denn es ist doch interessant zu sehen, was mir so wichtig ist, dass ich meinen Shopping Ban dafür breche. Nämlich ein Buch, in dem es eigentlich nur darum geht, dass weniger mehr ist und dass wir unsere Freizeit statt mit digitaler Unterhaltung wieder mit analogen Tätigkeiten füllen sollten. Natürlich scheint das auf den ersten Blick absurd und widersprüchlich.

Doch ich lese Cal Newports “Study Hacks”-Blog sehr gern und beschäftige mich schon länger mit seiner Idee des digitalen Minimalismus. Zusammen mit vielen anderen Autoren hat er mich dazu inspiriert, selbst einen Blog zu starten. Natürlich wusste ich längst, dass sein neues Buch Anfang Februar erscheinen würde, und ich habe mich schon auf die Lektüre gefreut. Diese Form von bewusster, bereichernder Anschaffung entspricht gerade nicht dem impulsiven Konsumverhalten, dem ich mit meinem Shopping Ban entgegentreten wollte.

Nun dreht sich ein wesentlicher Teil von “Digital Minimalism” um die selbstbestimmte Beschränkung der Nutzung sozialer Medien. Ich bin in dieser Hinsicht schon einen radikaleren Schritt gegangen und habe die Social-Media-Apps nicht nur vom Smartphone geworfen oder meine Nutzung zeitlich limitiert, wie Newport es vorschlägt, sondern meine Accounts vollständig gelöscht. An dieser Stelle ist das Buch sinnvoller für Menschen, die diesen Schritt aufgrund beruflicher oder privater Notwendigkeiten nicht gehen können oder wollen.

Der weitaus wichtigere Aspekt des Minimalismus ist jedoch nicht die faktische Form des Declutterings (worauf oft der größte Fokus gelegt wird), sondern vielmehr die Frage, womit wir unser Leben stattdessen füllen möchten. Wenn wir nur noch über bestimmte Aufräum- und Wäschefaltmethoden oder die zu erreichende Maximalanzahl von Dingen in unserem Besitz sprechen, dann entgeht uns der eigentliche Kern der minimalistischen Philosophie: Uns auf die Dinge zu beschränken, die wirklich wichtig sind.

An dieser Stelle hat mich Newports Buch zum Nachdenken gebracht, denn er betrachtet jegliche Tätigkeit, die durch einen Bildschirm vermittelt wird, grundsätzlich als minderwertig zu ihren analogen Pendants. Für ein ausgewogenes Leben empfiehlt er eine minutiöse Freizeitplanung, die den Fokus auf aktive Kreation legt statt auf passiven Konsum. Soziale Aktivitäten statt sozialer Medien. Dinge in Handarbeit bauen und erschaffen, die nicht digital sind. Ich selbst verbringe auch einen Großteil meiner Freizeit am Rechner. Ich arbeite an meiner Website, lese digitale Bücher und schreibe Artikel für meinen Blog. Diese Tätigkeiten qualifizieren sich nach Newports Definition nicht als besonders wertvoll, und ich möchte ihm hier zumindest in Teilen widersprechen, auch wenn ich seinen Punkt durchaus verstehe.

Ein interessanter Aspekt, den Newport anschneidet, ist auch die Unterscheidung zwischen den Begriffen Conversation und Connection. Durch den ständigen Zugriff auf Unmengen von Kontakten via Connection komme die echte Conversation in unserem heutigen Alltag viel zu kurz. Sie werde regelrecht von minderwertigen Kontakten verdrängt. Denn alle Social-Media-Kontakte fallen nach Newports Definition vollständig unter Connection und sind damit nahezu wertlos, wenn man sie mit echter Conversation im Sinne von Face-to-Face-Gesprächen oder Telefonaten vergleicht, in denen wir auch menschliche Gestik, Mimik und Stimme wahrnehmen. Das war für mich ein neuer Gedanke, den kürzlich auch ein Freund im Gespräch thematisierte, als ich ihm meine Abneigung gegenüber Telefonaten erklärte. Vielleicht muss ich meine Haltung hier überdenken.

Newport schreibt, dass wir durch ständige Connection nur noch wenig Zeit in echter Einsamkeit verbringen. Einsamkeit sei jedoch die “Schule der Genies”, wie der aufklärerische Historiker Edward Gibbon einmal schrieb. Viele große Dichter und Denker bevorzugten es, ihr Leben in großen Teilen in Einsamkeit zu verbringen: Descartes, Newton, Locke, Pascal, Spinoza, Kant, Leibniz, Schopenhauer, Nietzsche, Kierkegaard und Wittgenstein seien Beispiele für Männer, die nie eine Familie gründeten und kaum enge persönliche Freundschaften pflegten, aber trotzdem bemerkenswerte Leben lebten. Unsere heutige Obsession, immer mit allen connected zu sein, scheint vor diesem Hintergrund ein klein wenig übertrieben.

“Digital Minimalism” entwickelt vor allem wirksame Strategien gegen die Ablenkung. Es geht um die Befreiung von unserer vorgestellten Abhängigkeit vom Smartphone. Newport selbst hatte noch nie einen Social-Media-Account und lässt sein Telefon oft genug zu Hause. Die vorgeschlagenen Übungen im Buch sind nicht ganz so radikal, sondern propagieren vor allem einen bewussten Umgang mit diesen Technologien. Viele davon sind noch so jung, dass wir die negativen Aspekte, die mit ihrer ubiquitären Nutzung einhergehen, gerade erst entdecken. Gleichzeitig beschäftigen die Unternehmen, die sie entwickeln und betreiben, die besten Ingenieure, Psychologen und Strategen, um unsere Aufmerksamkeit immer wieder zu kidnappen.

Dank Newports Buch habe ich auch das Slow Media Manifest entdeckt, ein fast neun Jahre altes Dokument von drei deutschen Autor_Innen, das heute mehr Aktualität denn je hat. Das Manifest, das sich an Produzenten wie Konsumenten richtet, spricht sich für jene Form von Langsamkeit im Medienbereich aus, die auch die Slow-Food-Bewegung in der Ernährung in den Mittelpunkt rückt. Es geht um die Bevorzugung nachhaltiger, zeitloser und qualitativer Medien, die man nicht bequem nebenbei konsumieren kann, sondern die deine volle Aufmerksamkeit fordern.

Im Zentrum von “Digital Minimalism” steht die Erkenntnis, dass eine entsprechende Lebensphilosophie nicht anti-technologisch oder anti-fortschrittlich ist. Immerhin ist Cal Newport im Hauptberuf nicht Buchautor, sondern Professor für Informatik. Der erste Teil des Buches beschreibt den Status Quo und damit die Notwendigkeit für einen neuen Umgang mit Technologien wie Smartphones und Social Media. Der zweite Teil besteht aus konkreten Übungen und Praktiken des digitalen Minimalismus, nämlich “Spend Time Alone”, “Don’t Click ‘Like'”, “Reclaim Leisure” oder “Join the Attention Resistance”. Es geht einfach darum, einen vernünftigen und gesunden Umgang mit digitalen Tools zu finden, der unsere Lebensqualität erhöht.

Bleibt am Ende noch zu sagen, dass mein Shopping Ban durch diesen einmaligen, bewussten Ausrutscher nicht beendet ist. Im Gegenteil bestärkt er mich sogar darin, dass der Shopping Ban eine gute Achtsamkeitsübung darstellt.

Berlin, 9. Februar 2019

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