Yuval Noah Harari hat kein Smartphone

Ich lese gerade das neue Buch des israelischen Historikers Yuval Noah Harari, “21 Lessons for the 21st Century”. Viele kennen seinen Bestseller “Sapiens – Eine kurze Geschichte der Menschheit”, in “21 Lessons” geht es vor allem um die wichtigen Fragestellungen, mit denen wir in der Gegenwart und der unmittelbaren Zukunft konfrontiert sind: Wie verändern Algorithmen und Künstliche Intelligenz unseren Alltag? Wie sehen Kriege im Zeitalter der Roboter aus? Werden wir künftig noch Arbeit haben? Werden wir alle 150 Jahre alt? Wird die Demokratie das überleben?

Harari war bis zur Veröffentlichung von “Sapiens” ein unbekannter Militärhistoriker in Jerusalem. Heute empfehlen Barack Obama, Bill Clinton und Mark Zuckerberg seine Bücher. In Interviews berichtet Harari, dass vor allem seine Meditationspraxis ihn dazu brachte, sich populärwissenschaftlich mit den großen Fragestellungen der Menschheit zu beschäftigen, anstatt sich in Spezialdetails der Militärgeschichte zu verlieren. Er meditiert täglich ungefähr zwei Stunden und geht jedes Jahr in ein 60-tägiges Vipassana-Retreat in Indien, ohne E-Mails und Telefon, ohne zu lesen oder zu schreiben.

Harari besitzt übrigens auch kein Smartphone—ganz im Gegensatz zu seinem Ehemann, der sein Smartphone auf dem Nachttisch verwahrt. In diesem Gespräch, das bereits zur Veröffentlichung des “Sapiens”-Nachfolgers “Homo Deus” im Jahr 2017 geführt wurde, führt Harari zum Thema aus:

Not having a smartphone is the new symbol of power because it provides the ability to have peace and quiet from misinformation.

I don’t have a smartphone precisely because I care very much about my time. It’s not that I’m afraid of information leaking out and people spying on me; it’s that I’m afraid of irrelevant and, increasingly, fake information flooding in. It is becoming more and more difficult to know what to ignore and what to pay attention to.

In einem anderen Interview ergänzt er diese Thesen noch:

I try to set my own agenda and not to allow technology to set the agenda for me. I tend to read books, long books, rather than short passages or tweets. I think another thing that has happened over the last century is that we have moved from an information scarcity to a deluge of information. Previously the main problem with information for people was that they didn’t have enough of it, and there was censorship, and information was very rare and hard to obtain. Now it’s just the opposite. We are inundated by immense amounts of information.

We really lose control of our attention. Our attention is hijacked by all kinds of external forces. For me, not just in meditation, but when I work, I try to be very, very disciplined with my attention, not to allow external forces to take control of my attention.

Diese Gedanken sind natürlich nicht neu, aber sehr konsequent formuliert.

Schon bei Erling Kagge las ich kürzlich, dass eines der größten Privilegien der nahen Zukunft der Verzicht auf ein Smartphone sein könnte—man müsste sich dafür immerhin in eine soziale und wirtschaftliche Position kämpfen, in der man sich nicht weniger dafür interessieren könnte, dass jemand anders einen erreichen möchte.

Diese Unerreichbarkeit ist ein Luxus, den sich nur Menschen leisten können, die ökonomisch nicht vom Gebrauch ihres Smartphones abhängig sind. Oder die wenigstens nicht mehr die Geschichte dieser vermeintlichen Abhängigkeit glauben (und aufgehört haben, sie sich selbst zu erzählen).

Wer kein Smartphone nutzt, der entzieht sich der Möglichkeit der unmittelbaren Kontaktaufnahme, aber er stoppt auch den Strom in jeder Lebenssituation auf ihn einprasselnder Nachrichten und Benachrichtigungen.

Auch ich glaube, dass die ständige Bombardierung unseres Gehirns mit kleinen Informationsfetzen, ohne tiefere Bedeutung und ohne echten Kontext, ohne redaktionelle Einbettung und Überprüfung, keine wirkliche Bereicherung darstellt, sondern eine Ablenkung vom Wesentlichen und eine Gefahr für unsere Fähigkeit, uns ernsthaft zu konzentrieren und uns auf etwas einzulassen—seien es eine Aufgabe oder ein Thema oder die eigenen Gefühle. Es ist Betäubung.

In einer Welt der Facebook-Headlines, 140-Zeichen-Tweets und Whatsapp-Nachrichten sind alle Informationen gleich viel (oder gleich wenig) wert. Alles kann richtig und auch falsch sein, auf alles muss reagiert werden, es muss weggeliket, geteilt und kommentiert werden, doch am Ende zählt nichts wirklich, denn nichts beschäftigt uns länger. Die Aufregung ist schnell groß, aber alles versendet sich genau so schnell.

Dabei geht es nicht nur um irrelevante Informationen, sondern auch um gezielte Falschinformationen und natürlich um Manipulationsversuche—sei es durch die werbetreibende Industrie, durch politische Organisationen oder andere Stakeholder, die uns mit welcher Agenda auch immer beeinflussen wollen.

Die Algorithmen kennen uns längst besser als wir uns selbst. Sie wissen genau, wo unsere Schwächen und Defizite liegen, unsere Vorlieben und Bedürfnisse. Doch diejenigen, die den Zugriff auf die Daten und die Kontrolle über die Algorithmen haben, stellen ihre Macht derzeit einfach nur dem Meistbietenden zur Verfügung. Das ist einer der Gründe, warum ich keine sozialen Medien mehr nutze.

Ich besitze immer noch ein Smartphone. Ich werde es auch nicht so bald abschaffen. Vielleicht, weil ich mich noch nicht in die von Erling Kagge beschriebene, privilegierte Situation der vollkommenen Unabhängigkeit gekämpft habe. Vielleicht aber auch, weil ich glaube, dass es nicht um das Gerät geht, sondern um seine Nutzung. Das Smartphone hat nur so lange Macht über uns und unseren Alltag, wie wir es ihm erlauben.

Ich beobachte meine eigene Nutzung sehr genau. Ich habe alle Benachrichtigungen ausgeschaltet und benutze nur wenige Apps. Immer öfter schalte ich das Telefon ganz aus oder lasse es sogar zu Hause—und lese stattdessen ein Buch. Momentan zum Beispiel das neue von Yuval Noah Harari. Ich kann es nur empfehlen.

ICE Leipzig-Berlin, 18. November 2018