Lesen macht glücklich – wenn man die richtigen Bücher liest

Der Schriftsteller Henry David Thoreau erkannte bereits vor 150 Jahren, dass materieller Wohlstand nicht glücklich macht. Daher zog er für zwei Jahre in eine selbstgezimmerte Holzhütte im Walden Pond, nur mit dem allernötigsten ausgestattet, und kehrte der Industriegesellschaft den Rücken. “Ich wollte tief leben”, erklärt er in seinem Roman “Walden” über diese Zeit. “Alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.” Thoreau wollte herausfinden, was ihn glücklich macht, wenn es schon nicht das Streben nach Reichtum war. Doch was genau tat er mit seiner freien Zeit im Wald?

In seinem Buch “Warum Lesen glücklich macht” beantwortet der Autor und promovierte Germanist Stefan Bollmann diese Frage: “Er pflanzte Gemüse, sammelte Beeren, angelte Fische, verschmähte aber die Jagd. (…) Die meiste Zeit verbrachte er damit, den Tönen des Waldes zu lauschen, Tiere zu beobachten, im nahegelegenen Teich zu schwimmen, sich mit Besuchern zu unterhalten, zu lesen und zu schreiben, mit anderen Worten dem Müßiggang zu frönen. Statt mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigte er sich auf experimentelle Weise mit dem Problem eines Müßiggangs, der nicht auf bloßen Zeitvertreib, sondern auf Wirklichkeits- und Wahrheitssuche angelegt ist. In diesem Zusammenhang spielte das Lesen eine wichtige Rolle.”

Auch Thoreau selbst widmete seiner Lektüre ein ganzes Kapitel in “Walden”. Die wenigen Bücher, die er in seiner Hütte vorrätig hatte (eine Leihbibliothek befand sich nicht in seiner näheren Umgebung), waren allerdings keine zeitgenössische Literatur, sondern antike Klassiker von Homer, Aischylos und Vergil: “Der wissensdurstige Mensch (…) wird sich immer wieder dem Studium der Klassiker zuwenden, einerlei, in welcher Sprache sie geschrieben oder wie alt sie sind. Denn was sind die Klassiker anders als die erhabensten und überlieferten Gedanken der Menschheit? (…) Gut lesen, das heißt, wahre Bücher in wahrem Geiste lesen, ist eine edle Beschäftigung, die an den Leser größere Anforderungen stellt als irgendein Sport, der gerade modern ist.”

Fraglich wäre nun, was Thoreau für “wahre Bücher” hielt, die tatsächlich zu einer Entwicklung des Geistes und damit zum Glücklichsein beitragen, und was “seichte Literatur” und damit Zeitverschwendung bedeutet. Sein Kriterium der “geistigen Nahrung” erfüllten jedenfalls die griechischen, römischen und englischen Klassiker. Auf der anderen Seite des Spektrums standen für ihn die aktuellen Nachrichten in den Zeitungen (die er allesamt als “Klatsch” abtat), aber auch die Werke der meisten Romanschriftsteller. Bollmann bemerkt hierzu: “Schaut man etwas genauer hin, bemerkt man (…), dass es Thoreau, wenn er von Klassikern spricht, nicht so sehr um einen Kanon und auch nicht um das ehrwürdige Alter der erzählten Geschichten geht. Als Klassiker bezeichnet er vielmehr jene Bücher, die Antworten auf die elementaren Lebensfragen der Menschen geben.”

In der Folge umreißt Bollmann, was nach seiner Vorstellung als “lohnende” Literatur im Sinne Thoreaus gelten könnte: Heldengeschichten und Sagen wie das Gilgamesch-Epos, die “Odyssee” oder die Artus-Sage, aber auch moderne Entwicklungs- und Bildungsromane. “Jeder von uns hat ein solches Buch schon einmal gelesen”, schreibt Bollmann. “Und viele werden es – tief berührt von der erzählten Geschichte – aus der Hand gelegt haben. Von den bequemen Büchern, die Thoreau mit Spott überzogen hat, unterscheiden sich die genannten nicht etwa, weil sie besonders unbequem zu lesen wären, also große Anforderungen an den Kunstverstand und die Leseerfahrung stellen. Unbequem sind in erster Linie die Geschichten, die sie erzählen.” Wenn Thoreau von Helden spreche, dann meine er “nicht Menschen, die sich durch kriegerische, sondern solche, die sich durch existenzielle Tapferkeit auszeichnen.”

Sodann führt Bollmann den Begriff der art of life ein, wie er von den amerikanischen Transzendentalisten des 19. Jahrhunderts verstanden wurde. “Lebenskunst bedeutete für den Kreis um Ralph Waldo Emerson nicht, sich ausschließlich den angenehmen Seiten des Lebens zu widmen, sondern durch ständige Arbeit an sich selbst das eigene Leben zu einem Kunstwerk zu machen.” Man könne es auch anders formulieren: Thoreau, Emerson und ihre Schüler lasen nicht, um sich zu zerstreuen und zu unterhalten, sondern um zu lernen und sich zu entwickeln. Und Bücher, die sich zu lesen lohnen, nehmen den Leser ernst, “gerade auch in dem Bedürfnis nach Wahrheit, Welterkenntnis und Lebenssinn.” Thoreau ging mithin nach Bollmanns Vorstellung in den Wald, “um dort lesend zu überprüfen, was für [sein] Leben wichtig ist und was nicht.”

Bollmann kommt in seinem Buch zu dem Schluss, dass ein glückliches Leben intellektueller Nahrung bedarf. Immerhin heißt sein Buch “Warum Lesen glücklich macht” – dass überhaupt eine Kausalität zwischen Glück und Lektüre besteht, setzt er schon im Titel voraus. Er nimmt das Ergebnis seiner Ausführungen vorweg und erklärt anschließend kenntnis- und wortreich, welche Gründe seiner Ansicht nach für seine These sprechen. Thoreaus “Walden” dient hierbei als Quelle und dessen praktisches, empirisches Experiment als Nachweis. Deswegen muss laut Bollmann heute auch niemand mehr in den Wald ziehen, um das festzustellen.

Tatsächlich glaube ich auch, dass Lesen glücklich macht. Dass materieller Wohlstand nicht zu einer Mehrung des Lebensglücks führt, ist eine der wesentlichen Botschaften im Minimalismus. Selbstverständlich müssen Grundbedürfnisse wie Nahrung und Wohnung abgedeckt sein. Doch erst dann beginnt die eigentliche Suche. Die Beschäftigung mit den großen philosophischen Lebensfragen gehört für die meisten Menschen zur Charakterbildung. Literatur dient als geeigneter Vermittler philosophischer Ideen und existenzieller Fragen, die sich Menschen seit jeher stellen. Was könnte uns eher auf den Weg der Erkenntnis führen als die Beschäftigung mit dem, was die klügsten und gebildetsten Autoren der Menschheitsgeschichte zu diesen Themen zu sagen hatten?

Die meisten Bücher, die mich in meinem Leben geprägt haben, fallen literaturwissenschaftlich wohl tatsächlich in die Kategorie des Entwicklungs- und/oder Bildungsromans: Mit 16 war es “Siddharta” von Hermann Hesse, mit 23 Thomas Manns “Der Zauberberg” und mit 30 “Homo Faber” von Max Frisch. Auch zeitgenössische Werke wie Christian Krachts “Faserland” oder Michel Houellebecqs “Elementarteilchen”, die ich mal mit großem Erkenntnisgewinn gelesen habe, können als Bildungsromane verstanden werden. In den letzten Jahren habe ich vor allem Sachbücher gelesen, weil ich mich von neuer Literatur oft nicht ernstgenommen fühlte – oder aber weil mich die Themen nicht interessierten. Thoreau hat mich darin bestärkt, mich nun wieder den sogenannten Klassikern zuzuwenden.

Der von Bollmann beschriebene “Müßiggang” als Idealvorstellung eines unabhängigen Lebens bedeutet also gerade nicht, dass man am Pool einen Cocktail mit Schirmchen schlürft, so wie in der kleinbürgerlichen Vorstellung vom Urlaubsparadies, die seit einigen Jahren auf Instagram fleißig wiederbelebt wird. Vielmehr lässt einem der Idealzustand des Lebens neben der Arbeit, deren Ertrag die Grundbedürfnisse großzügig abdecken sollte, noch genügend Freiraum, um sich mit Charakter- und Weiterbildung zu beschäftigen. Der beste bekannte Weg dorthin ist das Lesen.

ICE Berlin-Hamburg, 4. März 2019

Die zitierten Passagen stammen aus Stefan Bollmann, “Warum Lesen glücklich macht” (Elisabeth Sandmann Verlag, 2007), und Henry David Thoreau, “Walden oder Leben in den Wäldern” (Seedbox Press, 2013).