In Gedenken an Mark Hollis, den Meister des Verschwindens

Diese Woche ist Mark Hollis mit 64 Jahren gestorben, “nach kurzer Krankheit”, wie es in den Nachrufen heißt. Hollis war ein außergewöhnlicher Musiker, vielleicht ein Genie. Ein introvertierter, kompromissloser Künstler, der dem Ruhm der großen Bühne den Rückzug ins Private vorzog und dem aufgeregten Lärm der Postmoderne würdevolles Schweigen entgegensetzte. Oft wird er mit dem Satz zitiert: “Bevor du zwei Noten spielst, lerne wie man eine Note spielt, und spiele keine Note, wenn du keinen Grund dafür hast.”

Hollis’ Spätwerk mit der Band Talk Talk, aber auch sein selbstbetiteltes Soloalbum kann man mit Fug und Recht als minimalistisch bezeichnen. Seine kontemplativen Songs entfalten sich langsam und leben von einer enormen Dynamik. Es gibt Momente absoluter Stille und Momente dissonanten Lärms. Hollis’ charakteristische Stimme zittert, fleht und leidet. Seine Texte sind teilweise düster-religiöse, teilweise lebensbejahende Gedichte von epischer Schönheit. Die sakrale Akustik der Platten lässt kaum Rückschlüsse auf den Zeitpunkt ihrer Aufnahmen zu.

Eigentlich hatten Talk Talk als recht durchschnittliche Synth-Pop-Band begonnen, Anfang der 1980er Jahre in London. Ihre Karriere startete unspektakulär mit handwerklich soliden Popsongs wie “It’s My Life” und “Such a Shame”, die ihnen vor allem außerhalb Englands beachtlichen Erfolg bescherten. Doch auf ihrem dritten Album “The Colour of Spring” machten sie einen kreativen Quantensprung, als sie die Synthesizer gegen akustische Instrumente tauschten. Zum ersten Mal spürte man, dass Talk Talk stärker von E- als von zeitgenössischer U-Musik beeinflusst waren. Solche künstlichen Einordnungen spielten gleichzeitig keine Rolle mehr.

Wegen des außerordentlichen Erfolgs von “The Colour of Spring” bekamen Talk Talk für den Nachfolger von ihrer Plattenfirma ein nahezu unbegrenztes Aufnahmebudget zur Verfügung gestellt. Sie mieteten sich in den Wessex Studios ein, einer ehemaligen Kirche im Norden Londons, zündeten sich Räucherstäbchen an und nahmen in monatelangen nächtlichen Sessions das Album “Spirit of Eden” auf. Es erschien 1988 und diente mit seinen sechs unkonventionellen, teilweise improvisierten Stücken als Blaupause eines neuen Subgenres, das man später Postrock nennen würde.

“Spirit of Eden” wurde von der Plattenfirma damals als kommerziell unverwertbar eingeschätzt, allerdings im Laufe der nächsten 30 Jahre von vielen relevanten Musikern als wesentlicher Einfluss bezeichnet. Der Nachfolger “Laughing Stock”, der 1991 erschien, geriet sogar noch experimenteller und radikaler. Hollis und seine Mitstreiter ließen sich während der Aufnahmen von Miles Davis’ elektrischen Fusion-Experimenten, von Brian Enos Ambient-Platten, von klassischer Musik und Jazz inspirieren. Jim O’Rourke von Gastr del Sol und Markus Acher von The Notwist nennen “Laughing Stock” eines ihrer Lieblingsalben.

Nachdem sie ihre beiden radikalsten und anspruchsvollsten Alben veröffentlicht hatten, lösten sich Talk Talk sehr bald friedlich auf. Bereits 1986 hatten sie bekanntgegeben, nie wieder auf Tournee gehen oder überhaupt live spielen zu wollen. Nach dem Ende der Band zog sich Hollis aus der Öffentlichkeit zurück. 1998 veröffentlichte er noch ein selbstbetiteltes Soloalbum, das den sakralen Minimalismus von “Laughing Stock” auf die Spitze trieb und mit seiner klanglichen Intimität an die ECM-Produktionen von Manfred Eicher erinnerte. Einige der Stücke waren ursprünglich für einen möglichen “Laughing Stock”-Nachfolger geschrieben worden.

Nach der Veröffentlichung seines ersten und einzigen Soloalbums schwieg Mark Hollis. Er verschwand komplett von der Bildfläche. Die absolute Stille, die er ab diesem Zeitpunkt herrschen ließ, machte das Mysterium um seine Musik und seine Person natürlich noch größer. Dabei hatte er sich lediglich gegen das Leben eines Rockstars und für ein Dasein als Familienvater entschieden.

In seiner ganzen Karriere gab Mark Hollis kaum Interviews. Er empfand es als sinnlos, über seine Musik zu sprechen, weil alles, was er sagen wollte, darin steckte. Man musste nur bereit sein zuzuhören. Hollis, der in der Londoner Punkszene der 1970er Jahre sozialisiert worden war und als 20-Jähriger ein Psychologiestudium abgebrochen hatte, gab mürrisch zu, ein “difficult geezer” zu sein. Er kultivierte auch ein gewisses Maß an Verachtung gegenüber der Musikindustrie. Zu kommerziellen Zugeständnissen war er nicht bereit. Die mangelnde Ambition der ersten beiden Talk-Talk-Alben schob er im Nachhinein auf Sachzwänge: Sie hätten kein Geld für richtige Instrumente gehabt und daher auf Synthesizer ausweichen müssen.

Beim Songwriting verfolgte er einen radikalen Ansatz: Er produzierte Stunden von Material, um daraus ein knapp 40-minütiges Album mit sechs Stücken zu kompilieren, ähnlich wie Teo Macero mit seinen Tape-Edits für Miles Davis. Engineer Phil Brown erzählte einmal, dass 90% der für “Spirit of Eden” aufgenommenen Sessions nie verwertet wurden. Hollis folgte stets dem Credo der Minimalisten: Qualität vor Quantität. Und so hinterlässt er einen relativ schmalen Katalog: Fünf Alben mit Talk Talk, einige B-Seiten und ein Soloalbum. Danach hat er nur noch ein paar Stücke für Jan Garbareks Tochter Anja und eines für den Soundtrack einer obskuren Krimiserie produziert. Doch “Spirit of Eden”, “Laughing Stock” und “Mark Hollis” gehören zur besten und intensivsten Musik, die im 20. Jahrhundert aufgenommen wurde.

Als öffentlicher Musiker war Mark Hollis bereits 20 Jahre vor seinem Tod in Rente gegangen. Man kann davon ausgehen, dass er spätestens nach der Erfüllung seines Plattenvertrages finanziell unabhängig war. Er musste also keine weiteren Platten machen, um überleben zu können. In einem Interview, das der Journalist Jason Cowley 1998 für The Times mit ihm in einem Pub nahe seiner Wohnung führte, heißt es, dass Hollis zu diesem Zeitpunkt mit seiner Frau, einer Lehrerin, und zwei Kindern ein zurückgezogenes Leben im Stadtteil Wimbledon führte.

In dem Interview sagt Hollis auch, dass er nicht wisse, ob er jemals wieder Musik veröffentlichen würde. “Ich habe genug Geld zum Leben, was großartig ist”, wird er zitiert. “Daher fühle ich mich ein bisschen wie ein Student, dem es ein Stipendium erlaubt, seine Zeit kreativ zu verbringen – mit Lesen, Musik hören und machen, und ein bisschen Sport. Ja, es ist ein gutes Leben.”

Ruhe in Frieden, Mark Hollis.

Berlin, 1. März 2019