Neil Postman: “Wir amüsieren uns zu Tode” (1985)

Wenn wir heute über die negativen Auswirkungen sozialer Medien sprechen, geht es meist um individuelle Probleme der Nutzer. Seltener sprechen wir darüber, was die Dominanz sozialer Medien mit der Gesellschaft und dem öffentlichen Diskurs insgesamt veranstaltet – und was wir dieser Entwicklung entgegnen können.

In seinem kulturkritischen Klassiker “Wir amüsieren uns zu Tode” nahm der Medienwissenschaftler Neil Postman zwar vor allem das Fernsehen aufs Korn, aber auch Debatten über das Internet vorweg. Seine These lautete, dass Logik und Vernunft im Zeitalter der Übermacht von Bildern einer allgemeinen Emotionalität und Oberflächlichkeit weichen müssen. Auch Social-Media-Feeds werden von visuellen Inhalten, knappen Informationen und kernigen Überschriften dominiert. Hierin liegt laut Postman eine Gefahr für Freiheit und Demokratie.

Wohin eine Gesellschaft steuert, deren Diskurse von Bildmedien wie dem Fernsehen dominiert werden, legt Postman in der Einleitung zu seinem Buch dar, indem er zwei bekannte Dystopien des 20. Jahrhunderts gegenüberstellt: George Orwells “1984” und Aldous Huxleys “Schöne neue Welt”. Beide Romane zeichnen düstere Bilder von Gesellschaften, in denen Freiheit und Souveränität unterdrückt werden, jedoch mit unterschiedlichen Mitteln:

“Orwell warnt vor der Unterdrückung durch eine äußere Macht. In Huxleys Vision dagegen bedarf es keinen Großen Bruders, um den Menschen ihre Autonomie, ihre Einsichten und Geschichte zu rauben. Er rechnete mit der Möglichkeit, daß die Menschen anfangen, ihre Unterdrückung zu lieben und die Technologien anzubeten, die ihre Denkfähigkeit zunichte machen. Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley befürchtete, daß es eines Tages keinen Grund mehr geben könne, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will.

Orwell fürchtete jene, die uns Informationen vorenthalten. Huxley fürchtete jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, daß wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können. Orwell befürchtete, daß die Wahrheit vor uns verheimlicht werden könnte. Huxley befürchtete, dass die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte. (…) In 1984 werden die Menschen kontrolliert, indem man ihnen Schmerz zufügt. In Schöne neue Welt werden sie dadurch kontrolliert, daß man ihnen Vergnügen zufügt. Kurz, Orwell befürchtete, das, was uns verhaßt sei, werde uns zugrunde richten. Huxley befürchtete, das, was wir lieben, werde uns zugrund richten.”

Postman hebt hier auf die beiden ideologischen Systeme ab, die im Kalten Krieg miteinander konkurrierten: 1985, als sein Buch erschien, waren manche Diktaturen des Ostblocks nicht weit von Orwells Schreckensvisionen für das Jahr 1984 entfernt. Huxley jedoch warnte vor etwas, das dem kapitalistischen Westen bevorstand: Einer Diktatur der Unterhaltung.

Tatsächlich sollten viele der Unrechtsstaaten, in denen Überwachung und Unterdrückung durch Staat, Polizei und Geheimdienst zum Alltag gehörten, wenige Jahre später zusammenbrechen. Huxleys Dystopie hingegen blieb bis heute so aktuell wie bedrohlich – Postmans Theorie über die Auswirkungen der modernen Massenmedien auf die Ästhetisierung von Debatten ebenfalls. Seine Argumente gelten auch für bildgesteuerte soziale Medien wie Instagram und Youtube.

In seinem Buch “Jäger, Hirten, Kritiker” beschrieb der Philosoph Richard David Precht soeben eine weitere Dystopie. In gewissem Maße stellt sie ein Update von Huxleys Vision dar. Darin übernehmen die großen Silicon-Valley-Konzerne die Weltherrschaft und treffen künftig sämtliche Entscheidungen für die Bürger. Ruhig gestellt werden sie durch permanente, sofortige Bedürfnisbefriedigung. Ihre Wünsche werden von Algorithmen und künstlichen Intelligenzen berechnet, vorausgesagt und sogleich erfüllt. In dieser Vorstellung tauschen wir unsere Freiheit, Autonomie und unser Recht auf Mitbestimmung bereitwillig gegen Bequemlichkeit ein.

Auch Huxley warnte vor einer solchen “Welt der technologischen Narkotika”, wie Postman schreibt: “Er (Huxley) hielt es für weitaus wahrscheinlicher, daß sich die westlichen Demokratien aus eigenem Antrieb in die Gedankenlosigkeit hineintanzen und -träumen, als daß sie in Reih und Glied, mit Handschellen gefesselt, in sie hineinmarschieren. Anders als Orwell hat Huxley erfaßt, daß man vor einer Öffentlichkeit, die gegenüber dem Widerspruch unempfindlich geworden ist und sich mit technologischen Zerstreuungen betäubt, nichts zu verbergen braucht.”

Orwell sah die größte Gefahr in einer Unterdrückung der Freiheit im Namen der Ideologie. Er warnte vor Zensur, Bücherverboten und einem Gewaltmonopol über den Fluß der Informationen. Doch in der Welt, vor der Huxley und Postman warnen, sind solche brutalen Vorgehensweisen nicht mehr erforderlich. Ihre Rolle übernimmt die Betäubung und Ablenkung durch Unterhaltung. “Scheinbar harmlose Technologien, die der breiten Menge eine Politik aus Image, Augenblicklichkeit und Therapie zu vermitteln suchen, können die Geschichte genauso wirksam und vielleicht dauerhafter zum Verschwinden bringen – und ohne auf Widerspruch zu treffen”, schreibt Postman. “An Huxley, und nicht an Orwell, sollten wir uns deshalb halten, wenn wir verstehen wollen, auf welche Weise das Fernsehen und andere Bildformen die Grundlage der freiheitlichen Demokratie, nämlich die Informationsfreiheit, bedrohen.”

Postman schließt mit dem Hinweis, eine Orwell-Gesellschaft sei leichter zu erkennen als eine Huxley-Gesellschaft, so dass man sich ihr auch leichter widersetzen könne. Möglichen Widerstandsstrategien gegen die moderne Unterhaltungsgesellschaft widmet er sich nur kurz, und zwar vor allem in einer Darstellung ungeeigneter Maßnahmen: Eine Abschaffung visueller Medien hielt er für unsinnig und unwahrscheinlich, selbst eine Beschränkung von staatlicher Seite für unmöglich.

Auch von Anregungen zur qualitativen Verbesserung der Medieninhalte hielt er nichts. Als reines Unterhaltungsmedium fand Postman das Fernsehen sogar nützlich – kritisch sah er vor allem die Darstellung von ernsthaften Inhalten wie Nachrichten, Politik oder Wissenschaft im Gewand der Unterhaltung. Hierzu zitierte er einen namenlosen Psychologen: “Luftschlösser bauen wir alle, problematisch wird es erst, wenn wir versuchen, in ihnen zu wohnen.”

Stattdessen setzte Postman, genau wie heute die Wortführer des digitalen Minimalismus, auf den Ausbau der Medienkompetenz und des Medienbewusstseins der Nutzer durch Bildung: “Nur in einer gründlichen Analyse der Struktur und der Auswirkungen von Information, nur in einer Entmystifizierung der Medien liegt Hoffnung, eine gewisse Kontrolle über das Fernsehen, den Computer und andere Medien zu entwickeln.”

Daneben schlug er einen – zumindest temporären – Nutzerstreik vor. Diese Anregung erscheint mir auch heute noch sinnvoll. Eine Zeitlang nicht fernsehen (oder den Fernseher ganz abschaffen), sich vom Internet trennen, alle Bildschirme aus dem Alltag verbannen. Die Minimalists empfehlen “Screenless Saturdays”, Cal Newport rät ebenfalls zu selbstauferlegten Beschränkungen: Soziale Medien nur am Samstagnachmittag aufrufen, für eine fest definierte Zeit – nicht in der mobilen App, sondern am Desktop.

Oft wird das Argument ins Feld geführt, soziale Medien seien in erster Linie gar keine Medien, sondern Technologien, die an sich nicht schädlich seien, sondern nur die missbräuchliche Nutzung durch den Menschen. Postman schreibt hierzu ganz richtig, dass jeder Technik auch eine designierte Nutzungsform innewohnt und sie daher nicht losgelöst von ihren Funktionsbestimmungen betrachtet werden darf. Soziale Medien wurden entworfen, um unsere Aufmerksamkeit mit irrelevanter Unterhaltung zu kapern. Sie werden gezielt auf die Ausformung von Gewohnheiten programmiert und nutzen hierzu perfide psychologische Tricks und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse.

Auch wenn das klassische Fernsehen, vor dessen weitreichenden Auswirkungen Neil Postman warnte, an Wirkungsmacht verloren hat, amüsieren und zerstreuen wir uns heute auf Social Media zu Tode. Wir haben jedoch Mittel und Wege, um uns diesem Einfluss zeitweise zu entziehen und mit anderen Dingen zu beschäftigen: Zum Beispiel Bücher zu lesen, uns in Achtsamkeit zu üben oder mit anderen Menschen darüber zu diskutieren, wie wir eigentlich leben wollen.

Berlin, 13. April 2019

Die zitierten Passagen stammen aus Neil Postman, “Wir amüsieren uns zu Tode” (S. Fischer Verlag, 1988).