Hartmut Rosa: “Beschleunigung und Entfremdung” (2010)

Wir alle müssen noch irgendwas. Den Müll runterbringen, Sport treiben, die Präsentation vorbereiten, die Steuererklärung machen, Zeit mit den Kindern verbringen, endlich gesünder essen, zum Yoga gehen, mal wieder Freunde treffen, meditieren. “Das tägliche Leben ist zu einem Meer von Forderungen geraten, und es ist kein Land in Sicht”, schrieb der Psychologe Kenneth Gergen schon 1996 über die Erschöpfung des Menschen in der Spätmoderne (“Das übersättigte Selbst”).

Der Soziologe Hartmut Rosa behauptet, dass nirgends außerhalb der westlichen Moderne “Alltagspraktiken so konsistent durch den Rückgriff auf eine Rhetorik des Müssens strukturiert sind”. In seinem Buch “Beschleunigung und Entfremdung” beschreibt er ein zentrales Paradoxon unserer Gesellschaft: Einerseits fühlen wir uns von religiösen und kulturellen Normen der Vergangenheit befreit, “andererseits um so stärker beherrscht von einer stetig zunehmenden Liste von sozialen Anforderungen.”

Rosa sieht diesen Umstand als logische Konsequenz einer sozialen Beschleunigung, deren Motor die kapitalistische Wettbewerbslogik ist. Am Ende des Tages fühlen wir uns immer schuldig, weil wir die Erwartungen mal wieder nicht erfüllt haben. Unsere To-do-Listen werden nicht kürzer, das Email-Postfach quillt über, Deadlines rücken näher und die Konkurrenz schläft nie.

Das größte Versprechen der Moderne – Freiheit, Wohlstand und Glück für alle – wurde nicht eingelöst: Viele werden im Kapitalismus weiterhin an einem selbstbestimmten Leben gehindert. Dies treffe nicht nur auf Lohnarbeiter zu, sondern auch auf Angestellte und Manager: “Sie haben keine Kontrolle über die Regeln des Spiels und haben es nur erfolgreich spielen gelernt.” Trotzdem schreite die soziale Beschleunigung immer weiter voran – sie habe sich längst von jedem Heilsversprechen verselbständigt und inzwischen nahezu totalitären Charakter erlangt.

In seinem Buch geht Rosa diesem Phänomen auf den Grund und definiert hierzu zunächst die Faktoren der Beschleunigung: Da gibt es zunächst die technische Beschleunigung, etwa durch den Flugverkehr oder das Internet; dann die soziale Beschleunigung, etwa durch die steigende Anzahl von Scheidungen und Jobwechseln; und nicht zuletzt die Beschleunigung des Lebenstempos, die vor allem auf dem Bedürfnis der Menschen basiert, mehr in weniger Zeit zu tun und die zur gefühlten “Zeitknappheit” führt.

Nun müsste die technische Beschleunigung ja eigentlich dazu führen, dass uns mehr Zeit zur Verfügung steht. Doch durch die Zunahme des Lebenstempos werden diese Vorteile ausgeglichen und teilweise sogar umgekehrt. Ein gutes Beispiel ist der E-Mail-Verkehr: Wo man früher im Geschäftsleben täglich nur eine überschaubare Menge an Briefpost zu beantworten hatte, da schreibt man heute eben den halben Tag E-Mails – einfach, weil es geht. Unterm Strich verbringt man heute jedenfalls mehr Zeit mit der Tageskorrespondenz als vor 30 Jahren.

Viele Menschen empfinden daher die unbestimmte Notwendigkeit einer Entschleunigung. Die ist jedoch so einfach nicht möglich, weil in einer kapitalistischen Ökonomie eine rigorose Wettbewerbs- und Leistungslogik gilt. In allen Lebensbereichen wird unser Status permanent kompetitiv ausgehandelt. Selbst auf Social Media stehen wir im Wettbewerb miteinander. Allein das Mithalten erfordert immer mehr Energie, weil alle im selben Hamsterrad gefangen sind. Im Amerikanischen gibt es hierfür die Redewendung des “Keeping up with the Joneses”. Wer sich eine Pause gönnt und ausruht, droht schon abzurutschen.

Man könnte sich fragen, warum nicht mehr Menschen gegen diese Verhältnisse aufbegehren, wenn sie so unglücklich sind. Zeitstrukturen werden jedoch im Allgemeinen als gegeben angesehen, nicht etwa als soziale Konstruktionen oder Gegenstände politischer Aushandlungen. So wird im Zeitalter der sozialen Beschleunigung laut Rosa die möglicherweise ungerechte Verteilung von Gütern oder Status legitimiert: “Der Schnellere gewinnt und profitiert, der Langsamere verliert und fällt zurück.”

In diesem ständigen Kampf um Anerkennung, in dem es keine sicheren Plateaus oder Nischen mehr gibt, ist die eingangs beschriebene Erschöpfung die Konsequenz. Ein permanentes Gefühl der Zeitknappheit kann zu Stress, Depression oder Burnout führen. Die Frage kann also nicht lauten, ob Entschleunigung nötig ist, sondern vielmehr, ob sie in den gegenwärtigen Verhältnissen überhaupt noch möglich ist.

Rosa diagnostiziert im Segment der Entschleunigung vor allem funktionale Maßnahmen, die letztlich nur unsere Funktionsfähigkeit innerhalb der Beschleunigungssysteme sicherstellen: Kurzaufenthalte in Wellness-Oasen, Retreats für gestresste Manager oder von Konzernen subventionierte Sabbaticals verheißen doch nur die Aussicht, anschließend erholt, gestärkt und noch produktiver in den Wettbewerb zurückzukehren. Natürlich gibt es eine ideologische Opposition, die Rosa vor allem im Bereich religiöser, ökologischer oder anarchistischer Gruppen ausmacht. Deren Wirkungsmacht sieht er allerdings als begrenzt an.

Neben den körperlichen und seelischen Folgen der sozialen Beschleunigung sieht Rosa auch eine allgemeine Entfremdung um sich greifen:

“Just in diesem Sinne mögen wir uns etwa entfremdet fühlen, wenn wir den ganzen Tag bis Mitternacht arbeiten, ohne daß uns dies jemand vorschreibt – und obwohl wir wirklich früh nach Hause gehen ‘wollten’ (und wir vielleicht unserer Familie versprochen haben, dies zu tun). Gleichermaßen mag es als ‘Entfremdung’ erfahren werden, wenn wir neue (…) Richtlinien erlassen, die wir nicht ‘wirklich’ gutheißen, oder wenn wir Mitarbeitern kündigen, um größere Profite oder gesteigerte Konkurrenzfähigkeit zu erreichen: Wir zweifeln sehr an den Zielen und an den Praktiken, und wir hätten im Prinzip auch anders handeln können, und doch ‘mussten wir irgendwie so handeln’.”

Auch im politischen wie im ökologischen Bereich handeln wir laut Rosa ständig “zugleich ‘freiwillig’ und gegen unseren ‘eigentlichen’ Willen. Wenn ein solcher Zustand andauert, werden wir früher oder später (individuell wie kollektiv) ‘vergessen’, was unsere ‘eigentlichen’ Ziele und Absichten waren – und doch bleibt ein vages Gefühl der Fremdbestimmung ohne Unterdrücker.” Tatsächlich rechtfertigen wir permanent Handlungen vor anderen und uns selbst mit der eingangs erwähnten Rhetorik des Müssens.

In Studien sagen viele Menschen, dass sie fast nie die Zeit finden, das zu tun, was sie wirklich tun wollen – sogar Menschen, die mehrere Stunden pro Tag fernsehen oder im Internet surfen. Man könnte natürlich behaupten, diese Menschen wollen eben eigentlich fernsehen oder im Internet surfen und nicht das tun, von dem sie vorgeben, es gern tun zu wollen (ein Instrument lernen, schlaue Bücher lesen, Sport treiben); tatsächlich aber zeigen andere Studien, dass sie eine höhere Befriedigung empfinden, wenn sie das tun, was sie “eigentlich” tun wollen. Doch “in einer überaus schnelllebigen Zeit ist es rational, kurzfristig zu realisierende Befriedigungen zu suchen (wie sie das Fernsehen liefert), statt auf nur langfristig sich erfüllende Befriedigungen zu setzen (die wir nach drei Jahren des Übens aus dem Geigenspiel ziehen mögen).”

Dieses Gefühl der Entfremdung versuchen wir mit Konsum zu kompensieren: Wir haben keine Zeit zu lesen, kaufen aber immer mehr Bücher. Wir fahren nie in Urlaub, kaufen aber immer mehr Campingausrüstung. Wir treiben viel zu selten Sport, kaufen aber ständig neue Laufschuhe. “Wir sind alle so sehr mit dem Abarbeiten der To-do-Listen und mit deren Kompensation durch ‘Instant-gratification’-Konsumaktivitäten (wie Shopping oder Fernsehen) beschäftigt, dass wir kaum mehr ein Gespür für das haben, was ‘authentisch’ oder uns wichtig ist.” Wir entfremden uns also durch die soziale Beschleunigung nicht nur von Raum und Zeit, sondern auch von unseren Handlungen und uns selbst. Sie steht zwischen uns und der Möglichkeit eines guten, glücklichen Lebens.

Zum Ende seines Essays verweist Hartmut Rosa auf die Idee des “guten Lebens” als eines, “das reich an vielschichtigen Resonanzerfahrungen ist und das sich entlang erkennbarer ‘Resonanzachsen’ einschwingt.” Als solche Achsen könnten unsere Beziehungen zur sozialen Welt, zur Natur und zur Arbeit gelten. Ob und wie es uns gelingen kann, uns anhand solcher Achsen einzuschwingen, ist jedoch nicht mehr Gegenstand seines Entwurfs einer Kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit.

Berlin, 14. April 2019

Die zitierten Passagen stammen aus Hartmut Rosa, “Beschleunigung und Entfremdung” (Suhrkamp 2013, engl. Original: NSU Press 2010).