Die Kunst zu verschwinden

In einem Text nannte ich den verstorbenen Mark Hollis kürzlich einen “Meister des Verschwindens”. Daraufhin schrieb mir ein befreundeter Künstler, der den Text mochte und mir deshalb ein Buch von Herbert Rosendorfer ans Herz legte: “Ein Liebhaber ungerader Zahlen”. Darin geht es laut seiner Aussage um einen Schriftsteller, der das Verschwinden perfektioniert hat. Auch wenn ich den Roman noch nicht gelesen habe, brachte er mich dazu, mich an diesem Wochenende mit zwei Großmeistern des Verschwindens zu beschäftigen, an denen sich Rosendorfer orientiert haben könnte: J.D. Salinger und Thomas Pynchon.

Wie so viele von uns, las ich J.D. Salingers “Der Fänger im Roggen” zum ersten Mal als Jugendlicher. Die Geschichte des 16-jährigen Holden Caulfield, der nach einem Schulverweis durch New York stromert und gegen die bürgerlichen Konventionen der Erwachsenenwelt rebelliert, bedeutete mir damals die Welt. Trotzdem beschäftigte ich mich nie weiter mit dem Autoren des Romans und forschte nicht nach weiteren Büchern von ihm. Viel hätte ich allerdings auch nicht gefunden.

1951 veröffentlichte Salinger seinen Debütroman, der ihn auf einen Schlag berühmt machte, sich weltweit 65 Millionen Mal verkaufte und in seiner Wirkung gern mit Goethes “Werther” verglichen wird. Zum Veröffentlichungszeitpunkt war der Autor 32 Jahre alt und hatte zehn Jahre an dem Roman gearbeitet. Es sollte sein einziger bleiben. Bis 1965 veröffentlichte er noch einige Kurzgeschichten und Novellen, danach verstummte er – bis zu seinem Tod im Jahr 2010.

Salinger hatte kein Interesse daran, ein öffentlicher Schriftsteller zu sein. Schon 1953 war er von New York in das 2.000-Einwohner-Dorf Cornish in New Hampshire gezogen. Zu Beginn seiner Zeit dort pflegte er noch ein normales soziales Leben, doch dann zog er sich immer mehr zurück. Er hatte überdies angefangen, sich mit Zen-Buddhismus, Meditation, indischer Philosophie und Yoga zu beschäftigen. Es heißt, er habe sogar im Lotussitz an seiner Schreibmaschine gesessen.

Um sein abgeschiedenes Leben zu beschützen, betrieb Salinger einigen Aufwand. Er verklagte Journalisten, die Biografien über ihn schreiben wollten. Der einzige Satz, den er nach seinem letzten Interview 1980 an die Öffentlichkeit richtete, war “Get the hell off my lawn” – ein barscher Platzverweis an einen Reporter, der versuchte, sich zu seinem Anwesen Zutritt zu verschaffen. So weiß man bis heute nur sehr wenig über den Autor des “Fänger im Roggen” – und alle vermeintlichen Enthüllungen, die seit seinem Tod angekündigt wurden, “erschöpfen sich in dem, was Salinger am meisten verabscheute: Sensationsgier und Psycho-Geschwafel.” (Spiegel Online)

Obwohl er 1965 aufhörte zu publizieren, schrieb Salinger immer weiter. In einem seltenen Interview mit dem New Yorker sagte er 1974, dass er nur das Schreiben selbst liebe, nicht das Veröffentlichen: “Nicht zu veröffentlichen gibt unglaublichen Frieden. Zu veröffentlichen ist ein schreckliches Eindringen in meine Privatsphäre. (…) ich schreibe nur für mich und mein eigenes Vergnügen.”

Diese Haltung erinnerte mich an ein Zitat der ebenfalls sehr zurückgezogen lebenden amerikanischen Singer-Songwriterin Liz Harris, die unter dem Künstlernamen Grouper auftritt. Sie sagte einmal, ein neues Album zu veröffentlichen, sei für sie “wie heimlich ein schweres Objekt in einem See zu versenken – eine ruhige Ecke zu finden, es vorsichtig unter die Oberfläche gleiten zu lassen, für einen Moment die kleinen Wellen zu beobachten, und sich dann davonzustehlen.” Im Gegensatz zu Salinger bringt Liz Harris es immerhin alle paar Jahre fertig, einen ihrer Schätze in irgendeinem See zu versenken.

Als Salinger 2010 starb, hinterließ er unveröffentlichte Manuskripte aus 45 Jahren Arbeit. Erst im Februar dieses Jahres gaben seine Witwe und sein Sohn bekannt, dass diese Arbeiten im Verlauf der nächsten Dekade verlegt werden sollen. Matt Salinger versicherte in The Guardian, dass dies im Sinne seines Vaters sei.

Im Gegensatz zu J.D. Salinger lebt Thomas Pynchon noch. Trotzdem findet man von dem Schriftsteller im Internet nur ein einziges Foto von 1955, das einen jungen Mann in einer Marineuniform zeigt, bei dem nicht einmal sicher ist, dass es sich wirklich um Pynchon handelt. Jahrzehntelang führte der Autor die Öffentlichkeit an der Nase herum und schaffte es, den Großteil seiner Biografie und auch seinen Aufenthaltsort zu verbergen, obwohl er mit “V.” (1963) oder “Die Enden der Parabel” (1973) moderne Klassiker der Weltliteratur schuf. Lange hielten sich sogar Gerüchte, es gebe Pynchon gar nicht, sondern er sei ein Pseudonym eines anderen Autors, etwa J.D. Salinger.

Tatsächlich fand man in den 1990er Jahren heraus, dass Pynchon existierte. Er war 1937 geboren worden, hatte an der Cornell-Universität theoretische Physik studiert und als Beatnik die New Yorker Jazz-Clubs unsicher gemacht. Irgendwann nahm er einen Job als technischer Redakteur bei Boeing in Seattle an, bevor er dort wieder kündigte, um sich voll und ganz auf seinen Debütroman zu konzentrieren. Als 25-Jähriger veröffentlichte er “V.” – das Buch, das ihn ähnlich wie Salinger schlagartig berühmt gemacht hätte, wenn Pynchon dies zugelassen hätte.

Doch Pynchon verweigerte sich der Öffentlichkeit. Er gab keine Interviews und trat nirgends in Erscheinung. Nicht einmal seinem Verlag erlaubte er den Abdruck eines Autorenfotos in der Buchklappe. Als er 1974 einen wichtigen Buchpreis für “Die Enden der Parabel” bekommen sollte, schickte er zur Verleihung den Stand-Up-Comedian “Professor” Irwin Corey. Und so waren seine Bücher über die nächsten Jahrzehnte seine einzigen Lebenszeichen. Dazwischen konnten jedoch schon mal 17 Jahre vergehen. Natürlich gab es immer wieder Gerüchte: Fans wollten ihn in Seattle, Kalifornien, Mexiko oder sonstwo auf der Welt gesehen haben.

Tatsächlich lebte Pynchon, als er 1996 schließlich von einer Autorin des New York Magazine aufgespürt wurde, mit seiner Frau Melanie (die gleichzeitig seine Literaturagentin war) in einer ganz normalen New Yorker Nachbarschaft. Ihm schien es offenbar logischer, sich in einer rastlosen, lauten Acht-Millionen-Metropole zu verstecken als in einer einsamen Hütte auf dem Land. Der Schriftsteller Andrew Solomon sagt in dem Artikel: “Es gibt ein altes russisches Sprichwort: Wenn du dich vor der Obrigkeit verstecken willst, stell dich unter die hellste Laterne, gleich neben der Polizeistation.”

1997 gab Pynchon dem Sender CNN ein rares Interview, in dem er zunächst klarmachte, dass er keine Fotos zulassen würde (“Let me be unambiguous – I prefer not to photographed”) und sodann erklärte, dass er kein Einsiedler sei, sondern lediglich sonst nicht mit Journalisten spreche. Tatsächlich soll er in New York ein relativ normales soziales Leben geführt haben, sich mit anderen Schriftstellern im Café getroffen und im Bio-Markt um die Ecke eingekauft haben. Allerdings hatte er Freunde und Geschäftspartner eindringlich gebeten, nicht mit Reportern über ihn zu sprechen. Die meisten hielten sich daran.

Tatsächlich weiß man bis heute nicht wirklich, warum sich Pynchon so stark aus der Öffentlichkeit fern hält – auch dies eine Parallele zu J.D. Salinger. Die plausibelste Erklärung lautet, dass er mit der Vorstellung des prominenten Schriftstellers nichts anfangen kann. Andere glauben, dass er sich vor allem wegen der politischen Subtexte in seinen frühen Büchern versteckte. Wieder andere sind der Ansicht, dass Pynchon durch seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit einfach nur ein Image erschaffen hat, das den Mythos um seine ultrakomplexen, nicht-linearen Bücher noch verstärkt.

Am Ende wird bei beiden Schriftstellern nicht eindeutig geklärt werden, warum sie einen Lebensentwurf gewählt haben, der dem Verschwinden gleichkommt, auch wenn oder gerade weil es ein öffentliches Interesse an ihrer Person gab und gibt. Mich fasziniert diese Spezies Künstler ganz einfach: Von Salinger bis Pynchon, von Burial bis Banksy, von Liz Harris bis Mark Hollis. Introvertierte Künstler, die ihr Werk in den Mittelpunkt stellen, sich selbst aber bis zur Unkenntlichkeit verschleiern – die Meister des Verschwindens eben.

Altfriesack, Brandenburg, 10. März 2019

Nachtrag vom 23. März 2019: Inzwischen habe ich Rosendorfers “Liebhaber ungerader Zahlen” gelesen, eine Geschichte über den fiktiven Schriftsteller Florious Fenix, der ganz offensichtlich als eine Mischung aus Salinger und Pynchon angelegt ist. Er lebt zurückgezogen in Tivoli bei Rom, korrespondiert ausschließlich über die Postanschrift eines Klosters und sammelt fremde Visitenkarten, um sie bei Gelegenheit als seine eigenen zu verteilen. Auch spricht Fenix einmal darüber, dass er ein Buch in der Absicht geschrieben habe, es niemals zu veröffentlichen. Es habe “nur die Bedeutung, geschrieben zu werden, ohne dass es je gelesen wird.” Jeder Schriftsteller werde durch Gedanken an sein Leserpublikum korrumpiert, selbst wenn er nur Tagebuch schreibe. Um ein vollkommen “reines” Buch zu schreiben, habe Fenix diesen Weg gewählt.

Introvertiert und einverstanden damit